LIEDERLUST – Nun leb wohl, du schöne Stadt

‘Nun leb wohl, du schöne Stadt’ begleitet mich schon sehr lange und gehört zu meinen liebsten Liedern. Ursprünglich wird der Name der Stadt genannt, von der so schmerzlich Abschied genommen werden muss: ‚Großkarol, du schöne Stadt, wen muss ich dadrinnen lassen, meinen auserwählten Schatz!“ Das Lied wurde von den Rekruten gesungen, die zum Militärdienst eingezogen wurden und so mit poetischen und eindringlichen Worten Abschied von ihrer Liebsten nahmen: „Aus meinen Äugelein fließet Wasser, weil ich von dir scheiden muss. Scheiden, scheiden, ja immer scheiden, scheiden ist ein harte Buß!“ Denn oftmals war es ein Abschied für sehr lange Zeit. Aber wo liegt eigentlich dieses Großkarol, das in diesem Lied besungen wird?

Karte aus der CD „Drei liadrigi Strümpf – Collegium Suebicum Sathmarense“, hrsg. von der Landsmannschaft der Sathmarer Schwaben in der BRD e.V., Ravensburg 1992.

Großkarol ist Mittelpunkt der deutsch-schwäbischen Sprachinsel Sathmar im Nordwesten von Rumänien (Kreis Satu Mare). Ab 1712 sind Siedler aus Oberschwaben in dieses Gebiet ausgewandert. Ihr sprachliches und kulturelles Erbe hat sich in Bruchstücken bis heute erhalten.
Von einer Reise im Sommer 2018 ins Sathmarer Land habe ich euch einige Bilder mitgebracht z.B. das Titelbild, das wunderbar die ethnische und kulturelle Vielfalt und das Selbstverständnis eines guten Miteinanders widerspiegelt. Im wunderschön angelegten Park des Schlosses von Großkarol wurde ein großes Sommerfest gefeiert, bei dem dieses Banner aufgestellt war.

Schloss von Großkarol (Carei)

Nicht nur bei diesem Fest, bei dem es auch einige Stände mit schwäbischen Köstlichkeiten gab, sondern überall finden sich Spuren, dass hier nicht nur Rumänen, sondern auch Ungarn und Deutsche leben. Die Ortschilder sind ausnahmslos alle dreisprachig: rumänisch, ungarisch und deutsch.

Willkommensgruß auf rumänisch, ungarisch und deutsch

Die Dörfer sind in ihrer Grundstruktur noch gut erhalten, auch wenn man immer wieder aufgegebene und dem Verfall preisgegebene Häuser entdeckt. In vielen Hofeinfahrten sahen wir Autos mit deutschen Kennzeichen stehen, denn viele Sathmarer Schwaben leben inzwischen in Deutschland, kehren aber in den Ferien in ihre Heimatdörfer zurück, wo sie ihre alten Häuser liebevoll pflegen.

Am Rande der Ungarischen Tiefebene gelegen, wird es im Sommer sehr heiß und es war wichtig beim Bau der Häuser auch an Schatten zu denken. Bei nahezu allen alten Häusern erstreckt sich über die ganze Längsseite eine überdachte Veranda, meist noch mit Wein bewachsen. So lässt es sich auch bei heißen Temperaturen gut aushalten. Charakteristisch und auffällig sind die aufwändig gestalteten Holzscheunen, die man noch vielerorts sieht.

Typisches Bauernhaus mit schattiger Veranda
Aufwändig gestaltete Holzscheunen sieht man noch in vielen Dörfern.
Die Dorfstraßen sind mit Obst- und Walnussbäumen gesäumt.

Die Dörfer sind als Straßendörfer sehr großzügig angelegt. An den breiten Straßen ziehen sich auf beiden Seiten Reihen mit Obst- oder Walnussbäumen entlang, und oftmals verläuft der Fußweg zwischen dem Gartenzaun der angrenzenden Häuser und den schattenspendenden Bäumen. So ist man wunderbar beschützt vor der sengenden Sonne und dem Autoverkehr.

Auch in der größten Sommerhitze lässt es sich auf diesem schattigen Weg wunderbar spazieren.

Während die Dörfer im Sathmarer Land in den Grundzügen noch gut erhalten sind, sind die zwei Hauptorte Sathmar (Satu Mare) und Großkarol (Carei) schwer von brachialen Bausünden der sozialistischen Ära gezeichnet. Betonbrutalismus und trostlose Plattenbauten dominieren das Straßenbild, die alte Bausubstanz dagegen ist größtenteils stark verwahrlost, zeugt aber noch von altem Glanz.

Das Rathaus von Sathmar – ein monumentaler Betonbau
Ein prunkvolles Hotel in Sathmar wartet auf seine Renovierung.

Nun ein kleiner Exkurs in die Vergangenheit, um die Geschichte der Sathmarer Schwaben besser verstehen zu können:
Bereits gegen Ende des 11. Jahrhunderts kamen die ersten deutschen Siedler ins Sathmarland. Seinen Namen erhielt es von der an der Samisch (Somes), einem Nebenfluss der Theiß liegenden Kreisstadt Sathmar. Diese Siedlungen gingen jedoch im Laufe der Zeit in der anderssprachigen Bevölkerung auf. 1712, nach dem Ende der Türkenkriege, das Gebiet gehörte nun zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie, begann dann die planmäßige Ansiedlung deutscher Kolonisten aus Oberschwaben, initiiert durch die örtliche Magnaten-Dynastie der Károlys. Graf Alexander Károly (1668 – 1743) und seine Nachfahren riefen in den Jahren 1712 – 1815 Kolonisten aus dem damaligen Königreich Württemberg, hauptsächlich aus Oberschwaben ins Sathmarer Land, um das von Krieg, Naturkatastrophen und Epidemien entvölkerte Gebiet neu zu besiedeln. Den Stammsitz, das Schloss der Károlys habt ihr ja oben schon bewundern können. Im Park erinnert eine Büste an den Schlossherrn.

Festlich geschmückte Büste des Grafen Alexander Karoly (1668 – 1743) im Schlosspark

Von Ulm aus fuhren die Auswanderungswilligen auf den ‚Ulmer Schachteln‘ (das sind einfache, flache Holzboote) auf der Donau hinab über Wien nach Pressburg (dem heutigen Bratislava) und von dort auf Wagen weiter nach Osten ins Sathmarland. Sie verließen ihre Heimat in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft im „Ungarnland“, wo man dringend Arbeitskräfte benötigte. Das „Anerbenrecht“ in Oberschwaben, durch das Höfe ungeteilt an einen einzigen Erben weitergegeben wurden, sicherte zwar den Erhalt der landwirtschaftlichen Struktur, ließ aber einen Großteil derer, die dadurch nur ein geringes oder gar kein Erbe erhielten, verarmt zurück. Schlechte Ernten und Viehseuchen, die zur Verteuerung von Lebensmitteln führten, taten ihr Übriges.

Ulmer Schachtel auf der Donau bei Ulm, kolorierter Kupferstich von Johannes Hans um 1810

Die Kolonisten wurden mit allerlei Versprechungen wie Land und Steuerfreiheit angelockt, was anfangs nicht eingehalten wurde. Wie heißt es so wahr in einem alten Siedlerspruch: „Den Ersten den Tod, den Zweiten die Not und den Dritten das Brot.“ Nachdem die ersten Siedler aufgrund der miserablen Bedingungen gleich wieder abwanderten, wurde nachgebessert. Die Siedler erhielten vertraglich Ackerboden, Wiesen und Wald unentgeltlich zur Nutzung, dazu Zugvieh, Getreide und Bauholz. Und sie waren in den ersten Jahren von Steuern und Frondiensten befreit. In dem Gebiet um Sathmar (Satu Mare) und Großkarol (Carei) wurden von den hauptsächlich aus den Kreisen Biberach und Ravensburg stammenden Auswanderern mehr als dreißig deutsche Dörfer gegründet, das „kleine Oberschwaben“.

Bis zum Ende des 1. Weltkrieges gehörte das Sathmarer Land zu Österreich-Ungarn, kam 1920 durch den Friedensvertrag von Trianon zu Rumänien, gelangte 1940 durch den Wiener Schiedsspruch wieder zu Ungarn und wurde schließlich nach dem 2. Weltkrieg erneut Rumänien angeschlossen. Den Sathmarer Schwaben wurde es nicht immer leicht gemacht, ihre Kultur und Sprache zu leben. Vor allem durch die rücksichtslose Madjarisierungspolitik Ungarns ab 1848 wurde systematisch ihre Sprache unterdrückt. Auswanderungen nach Amerika ab 1912, der 2. Weltkrieg, die Flucht und Evakuierung im Herbst 1944 und die gnadenlose Verschleppung von etwa 5000 sathmarschwäbischen Mädchen, Buben, Frauen und Männern zur Zwangsarbeit nach Russland im Januar 1945, die Flucht ab 1980 vor allem der jüngeren Generation in den Westen, sowie die Aussiedlung ab 1990 haben tiefe Spuren hinterlassen. Eine starke Dezimierung der Sathmarer Schwaben, sowie die Auflösung vormals blühender schwäbischer Dörfer war die Folge. Obwohl sich der Exodus fortsetzt, die Frage „Gehen oder bleiben“ nach wie vor das Denken beherrscht und die Generationen spaltet, gründeten die Sathmarschwaben ab 1990 deutsche Kindergärten und Schulen. An einigen Gymnasien gibt es deutsche Klassenzüge bis zur 12. Klasse und in Großkarol wurde 1997 wieder ein deutsches Gymnasium eingerichtet. Chöre, Sing- und Tanzgruppen, die sich um den Erhalt und die Pflege des schwäbischen Volksgutes kümmern, entstanden. Und besonders bemerkenswert finde ich, dass in jüngster Zeit vermehrt auch Rumänen Interesse haben, mitzumachen. Man spürt eine gewisse Aufbruchstimmung in Rumänien. Eine junge Generation will das Heft selbst in die Hand nehmen und aktiv mitgestalten. Es gibt unglaublich schöne und liebevoll restaurierte Städte mit lebendiger Gastronomie, malerische Dörfer und wunderbare, vielfältige Landschaften. Natürlich gibt es auch Schattenseiten, die schwerlich zu übersehen sind, wie die gesichtslosen und heruntergekommenen Plattenbauten der kommunistischen Ära, die in jeder Stadt zu finden sind und eine armselige Atmosphäre verbreiten oder die Elendssiedlungen der Roma an den Ortsrändern. Leider blockiert auch eine korrupte Politik so manch positive Entwicklung. Von meiner Warte als Besucherin würde ich aber sagen, dass das Gute überwiegt. Sobald es möglich ist, wollen wir wieder nach Rumänien reisen. Es gibt so viel Wunderbares zu entdecken.

Soviel in aller Kürze. Wenn ihr noch mehr über die Geschichte der Sathmarer Schwaben erfahren wollt, so lest bei Wikipedia nach. https://de.wikipedia.org/wiki/Sathmarer_Schwaben

Faksimile aus: Volkslieder der Sathmarer Schwaben mit ihren Weisen, hrsg. von Hugo Moser, Kassel 1943.
Gesungen und gespielt vom Volks- und Altmusik-Ensemble „Collegium Suebicum Sathmarense“ aus Großkarol, einer Gruppe von Musiklehrern, die sich seit 1990 vor allem der Erforschung, Interpretation und Verbreitung des sathmarschwäbischen Liedgutes verschrieben haben.

Und nun ein paar Details zu unserem Lied:
Wir verdanken seine Aufzeichnung dem Germanisten Hugo Moser. Er begann 1928 mit der Sammlung und Aufzeichnung der Volkslieder der Sathmarer Schwaben. Im Vorwort seiner 1943 erschienenen Liedsammlung beschreibt er dies sehr anschaulich:

Von 1929 – 1938 sammelte ich die Volkslieder der Sathmarer Schwaben bei meinen alljährlichen Besuchen in Sathmar. Ich zeichnete sie auf bei Liedabenden der Jugend, am Sonntagnachmittag im Laubengang vor dem Haus und abends beim Schein der Petroleumlampe in der guten Stube, oder draußen vor dem Dorf in den Weinbergen und Weinkellern. Ich hörte sie aus dem Mund von Bauern und Kleinhäuslern, von Handwerkern und Weinberghütern, von Frauen und Mädchen, vor allem von jenen Vorsängern und Vorsängerinnen, welche die Lieder ihres Dorfes besonders gut kannten und bewahrt hatten. Oft konnte ich fast vergessene Lieder vor dem völligen Verklingen retten.

Viele der aufgezeichneten Lieder werden mit dem klangvollen nordalemannischen Dialekt gesungen, den die Sathmarer aus Oberschwaben mitgebracht haben. Das macht sie natürlich besonders interessant für die schwäbische Volksliedpflege, so auch unser Abschiedslied.

Hugo Moser hat Fragmente des Liedes in drei verschiedenen Dörfern aufgezeichnet und wieder zu einem stimmigen Lied zusammengesetzt: die 1. Strophe sang ihm Theresia Winkler aus Bildegg vor, die 2. und 3. Strophe Josef Leili aus Scheindorf und schließlich die 4. Strophe Georg Wanger aus Fienen. Das erinnert mich sehr an meine Suche nach den Strophen der Ballade vom Nussenbaum, wo ich auch in mehreren Dörfern nachforschen musste, bis ich das ganze Lied wieder zusammenfügen konnte.

Die Liedsammlung von Hugo Moser ist wirklich ein großer Schatz und eine wunderbare Fundgrube, nicht nur für Schwaben. Einige der Aufzeichnungen daraus gehören heute zum festen Repertoire schwäbischer Gesangsgruppen, wie eben dieses schöne Abschiedslied. Ich hoffe, es berührt euch genauso wie mich.

Und nun wünschen wir euch viel Freude beim Mitsingen!

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Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

2 Gedanken zu „LIEDERLUST – Nun leb wohl, du schöne Stadt“

  1. Dagmar, herzlichen Dank für dieses tolle Singprojekt. Wunderschöne Lieder und spannende Hintergrundinfos. Macht Lust auf mehr.
    LG
    Magnus

  2. Herzlichen Dank für deine ausführlichen Informationen und das schöne Video vor dem Panorama von Violau! Ich freu mich auf jede neue Ausgabe eurer Liederlust und hoffe, dass wir bald wieder in größerer Runde zusammensitzen und gemeinsam singen können. Wichtig: Rechtzeitig mit den Abschiedsliedern anfangen!

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