Liederlust – Der sprechende Nussenbaum

Unser erstes Lied hat schon viele Mitsängerinnen und Mitsänger gefunden, was uns natürlich sehr freut und anspornt. Wir sind schon fleißig am Ideen spinnen, wie wir all die schönen Lieder, die wir gerne noch mit euch teilen möchten, richtig in Szene setzen können. Es soll ja auch zum jeweiligen Lied passen. Hier möchte ich mich ganz besonders bei Johannes Hegele aus Violau bedanken, der sich als Regisseur, Tontechniker und Kameramann in Personalunion mit viel Gespür um die technische Umsetzung kümmert.

Aber nun zu unserem nächsten Lied:
Es handelt sich um die Ballade vom Nussenbaum, in der ein Mädchen mit einem Nussenbaum ein Zwiegespräch führt. In unserem Fall handelt es sich vermutlich um einen Walnussbaum (und nicht um eine Hasel, wie in vielen anderen Varianten dieser Ballade). Ihr erfahrt gleich, warum.


1993 reiste ich zusammen mit dem Volkskundler Wolfgang A. Mayer zu den deutschen Siedlern der Munkatscher Sprachinsel in die Karpatho-Ukraine. Bis dahin war es nicht möglich gewesen, diese Gebiete zu besuchen, da es militärisches Sperrgebiet der ehemaligen Sowjetunion war.
Mittelpunkt der Munkatscher Sprachinsel, die ganz im Südwesten der Ukraine liegt, an der Grenze zu Ungarn und Rumänien, ist die Burg Palanok, die über allem thront. 1726 übertrugen die Habsburger die Burg mit der Stadt und Umgebung der österreichischen Familie Schönborn, die auch viele Deutsche in Munkatsch ansiedelte. Nördlich von Munkatsch, hier erheben sich die letzten Ausläufer der Waldkarpaten, siedelten sich Böhmerwäldler an, südlich von Munkatsch, im Flachland, befinden sich die „fränkischen“ Dörfer. Fränkisch mit Anführungszeichen deshalb, weil sich nicht nur Menschen aus Franken, sondern auch aus vielen anderen deutschen Gebieten ansiedelten.
Wir interessierten uns natürlich besonders für die musikalischen Überlieferungen und den Liederschatz. Die Ballade vom Nussenbaum begleitete uns von Anfang an. Schon im ersten Dorf konnte sich eine Sängerin an Fragmente des Liedes erinnern. Mich faszinierte sofort die wunderschöne und ungewöhnliche Melodie und so fragte ich alle Sängerinnen und Sänger, die uns begegneten nach dem Nussenbaum. Immer wieder konnten wir ein Fragment des Liedes aufnehmen. Aus den beiden größten haben wir dann die vorliegende Fassung zusammengestellt.
Hier könnt ihr in die Originalaufnahmen, die wir damals in der Karpatho-Urkaine gemacht haben, hineinhören. Zuerst hört ihr eine größere Singrunde aus Bardhaus. Es singen Barbara Schosser (1924), Johann Schinn (1931), Anni Schinn (1925) und Josef Eder (1921). Ihr seht sie auch auf dem Bild.

Und nun hört ihr eine Aufnahme von Lisi Barna (*1931) aus Pausching, einer Sängerin mit einem unglaublichen Repertoire an vielstrophigen Liedern. Ihre Version des Nussenbaums hat eine etwas andere Melodie.

Ach ja, ich wollte euch ja noch erzählen, warum es sich vermutlich um einen Walnussbaum handelt. Die meist als Straßendörfer gebauten Siedlungen sind von Walnussbäumen gesäumt. Jeder, der ein Haus bauen wollte, musste auch einen Walnussbaum davor pflanzen. Das hat nicht nur einen ästhetischen sondern auch einen ganz praktischen Grund: die schnell wachsenden und dann weit ausladenden Bäume spenden Schatten und halten ungeliebte Insekten vom Haus ab. Hier ein Bild von einem dieser typischen Straßendörfer.

Ein kleines Rätsel im Text der Ballade vom Nussenbaum konnten wir nicht ganz aufklären, nämlich die Frage nach dem geheimnisvollen ‚Marmoltee’ in der 5. Strophe. Die Sängerinnen und Sänger konnten es uns auch nicht erklären. Wie es halt oft so ist, man singt etwas und denkt gar nicht groß darüber nach, was es genau bedeutet. Dr. Erich Sepp hat ein wenig nachgeforscht und eine mögliche Erklärung gefunden. Vielleicht kommt es ja von „Marmelo“, dem portugiesischen Wort für Quitte. Marmoltee wäre dann also ein Quittentee. Und der Quitte wird eine aphrodisierende Wirkung zugeschrieben. Das könnte im Kontext schon passen.

Jetzt seid ihr hoffentlich neugierig auf das Lied geworden. Hier könnt ihr mit uns mitsingen. Viel Freude damit!

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Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

2 Gedanken zu „Liederlust – Der sprechende Nussenbaum“

    1. Vielen Dank! Unser nächstes Liederlust-Lied wird noch eines aus dieser Feldforschung sein (Rote Rosen, grüne Blätter). Dazu gibt es dann auch in einem Blogbeitrag weitere Infos und schöne Bilder von dieser auch für mich sehr eindrucksvollen Reise.

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