LIEDERLUST – Nun freuet euch Menschen auf Erden

Im rumänischen Banater Bergland, nahe der Stadt Reschitz befinden sich einige der interessantesten deutschen Siedlungen, was die Liedüberlieferung und den Singstil betrifft. Bis zur rumänischen Revolution 1989 waren diese Dörfer fast ausschließlich von Deutschen bewohnt. Der Münchner Volkskundler Wolfgang A. Mayer entdeckte sie als Student auf einer Reise von München nach Istanbul durch Zufall. Sein langjähriger Freund Reinhard Albert aus Mühldorf, der ihn bei einigen Fahrten dorthin begleitet hat, erzählt:

„Auf seinem Weg mit dem Fahrrad von München nach Istanbul 1967 bekam er in einem Gasthaus in Bogschan (rumänisches Banat) von einem Deutschen den Hinweis auf die drei Dörfer Weidenthal, Wolfsberg und Lindenfeld. Diese Dörfer wurden 1828 von Siedlern aus dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald gegründet. Der Weg dorthin führte ihn durch Franzdorf, ebenfalls eine deutsche Siedlung, die um 1750 von steirischen Siedlern gegründet wurde.“
Hierzu ein kleiner Exkurs in die Geschichte: „Österreich hat nach der Eroberung von Belgrad im Jahr 1717 (übrigens das Geburtsjahr von Kaiserin Maria Theresia) durch den Prinzen von Savoyen seinen Machtbereich in die ehemals von den Türken besetzten Gebiete im heutigen Rumänien ausgedehnt. Man holte bewusst Eisenhüttenarbeiter und andere Handwerker aus der Steiermark in den Raum um Reschitz und baute eine bis heute noch bestehende Eisenhütten- und Metallverarbeitende Industrie auf. In diesem Zug sind die Vorfahren von Anni Loidl ca. 1750 nach Franzdorf (heute ‚Valiug’ – auf halber Strecke zwischen Reschitz und Wolfsberg) zugewandert. Josephinental ist ein vorgelagerter Ortsteil, eine Häuserzeile entlang der Straße nach Franzdorf.“

„Wolfi kam mit seinem Fahrrad von Reschitz herauf und hörte vor einem der Häuser Leute singen (u.a. „Ja, und was bekümmert’s mich und wenn ichs wandre). Es war das Haus von Anni Loidl. Die Bank steht heute noch vor dem ehemaligen Haus der Familie Loidl.
Wolfi wohnte und lebte bei Anni Loidl 1968 eine ganze Woche und zeichnete viele, viele Lieder und Balladen auf (u.a. „Da Jaga tragt an greana Huat“). Das Weihnachtslied „Nun freuet euch Menschen auf Erden“ war ein Lied der Familie Loidl, es war in Wolfsberg und Weidenthal nicht bekannt. Anni Loidl hatte zwei Söhne, den Franz (Ferri) und den Paul. Beide übersiedelten nach dem Tod der Mutter (+ ca. 1980) und der Grenzöffnung 1990 nach Deutschland.“

v.l.: Elke Müller, Elisabeth Mayer, Anni Loidl, Franz (Ferri) Loidl, Gitti Albert
(Josephinental 1976)

Es gibt eine wunderbare und sehr eindrucksvolle Aufnahme dieses Weihnachtsliedes, die Wolfgang Mayer 1967 in Josephinental mit dem Tonband aufzeichnen konnte. Gesungen wurde es von Franz und Peter Meingast, Stephan Wirz und Franz (Ferri) Loidl. Bei den Sängern handelt es sich vermutlich um Nachbarn von Anni Loidl und ihren Sohn Franz. Die Aufnahme beginnt mit gesungenen Glückwünschen zum Neuen Jahr, „Nun freuet euch Menschen auf Erden“ schließt sich nahtlos daran an.
Einen herzlichen Dank an meinen niederbayerischen Kollegen Franz Schötz, der mir diese Aufnahme zur Verfügung gestellt hat!

Weitere Aufzeichnungen dieses Weihnachtsliedes gibt es aus Oberösterreich (z.B. in der Sammlung Pailler 1882) und der Steiermark.
Ich hoffe, ihr seid genauso beeindruckt und berührt von dieser Aufnahme und von diesem Lied und lade euch jetzt ein die einzelnen Stimmen mit uns zu lernen und mitzusingen.
Viel Freude damit!

Nun-freuet-euch-Menschen-auf-Erden-4stimmig-sib6-Partitur

Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

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