LIEDERLUST – Wünsch euch ein neues Jahr

Unser erstes LIEDERLUST-Lied im noch jungen Jahr 2021 soll ein Glückwunschlied sein. Nach diesem turbulenten Ausnahmejahr 2020, das so viele Pläne auf den Kopf gestellt und viele, gerade auch kulturelle Unternehmungen unmöglich gemacht hat, kann ein Lied mit so vielen guten Wünschen sicher nicht schaden und vielleicht ein wenig Optimismus und Zuversicht in eure Herzen zaubern. Das wünschen wir euch sehr!
Das Jahr musikalisch zu begrüßen und auf diese Weise viel Glück zu wünschen, hat eine lange Tradition. Hinrich Siuts beschreibt dies in einem Artikel seines Buches „Die Ansingelieder zu den Kalenderfesten“ (Göttingen 1968) ausführlich. Demnach gibt es die ersten Belege in Deutschland schon im 8. Jh. Man sang die Hausbewohner an, wünschte ihnen Glück und bat um Gaben. Heute kennen wir dies eher in Form des Neujahrsanblasens, bei dem die Blaskapellen durch den Ort laufen, an ausgewählten Stellen ein Ständchen spielen und dabei auch Spenden für die Vereinsarbeit sammeln.
Auf jeden Fall eine schöne Tradition, egal ob gesungen oder musiziert. Deshalb möchten wir euch als Anregung für ein ganz privates Neujahrsansingen dieses schöne Glückwunschlied vorstellen. Vielleicht gibt es ja beim nächsten Neujahrsanfang die Gelegenheit die Familie, die Nachbarn oder Freunde mit einem musikalischen Gruß zu überraschen und zu erfreuen.

Von dem von uns ausgewählten Lied gibt es mehrere Textvarianten. Ich bin darauf durch ein Liederbuch von Konrad Scheierling gestoßen, einem der wichtigsten Sammler von Liedern aus deutschen Sprachinseln in Südosteuropa. Bis zum zweiten Weltkrieg gab es dort zahlreiche Gebiete, die von Deutschen besiedelt waren. Durch die Folgen des zweiten Weltkriegs wurden die meisten dieser Siedlungen zerschlagen und die Bewohner mussten ihre Heimat verlassen. Durch das Auflösen dieser Dorfgemeinschaften ging auch ein großer Reichtum kultureller Überlieferungen unwiederbringlich verloren. Zum Glück gab es einige engagierte und leidenschaftliche Sammler, die versuchten einen Teil dieser Schätze aufzuzeichnen und so vor dem Vergessen zu bewahren. Bemerkenswerte Liedsammlungen sind so entstanden z.B. die von Konrad Scheierling. Ihn möchte ich jetzt ein wenig näher vorstellen, da seine Liedaufzeichnungen ein wichtiger Bestandteil der schwäbischen Volksliedpflege geworden sind.

Sehr herzlich möchte ich mich bei Johann Krumpholz bedanken, der mir das Foto zur Verfügung gestellt hat. Er hat auch einen ausführlichen Lebenslauf, in dem Konrad Scheierling selbst erzählt, veröffentlicht und kommentiert. Dort findet ihr noch viele interessante Informationen und schöne Bilder.

Konrad Scheierling wurde 1924 selbst in so einer Sprachinsel geboren, in Kolut in der Batschka. Die Batschka liegt heute zum großen Teil in Serbien und ein kleinerer Teil in Ungarn. Schon als Kind fiel seine besondere Musikalität auf. Seine Eltern förderten ihn und er durfte Akkordeon und Geige spielen lernen. Eine nette Episode gibt es aus seiner Kindheit: Sein Volksschullehrer unterrichtete ihn im Harmoniumspiel, obwohl er die Fußpedale noch gar nicht erreichen konnte. Und er spielte bald so gut, dass er auch in den Nachbargemeinden als Organist sehr begehrt war. Nach der mittleren Reife am serbischen Gymnasium in Sombor besuchte er die deutsche Lehrerbildungsanstalt in Novi Vrbas/Neu-Werbaß, an der er das Volksschullehrerdiplom erwarb. 1944 wurde er noch als Soldat eingezogen, geriet aber glücklicherweise nicht in Kriegsgefangenschaft. Im Herbst 1946 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland um, wo er zunächst in Pähl bei Weilheim landete. Sein großer Traum, an der Musikhochschule Salzburg Schulmusik zu studieren, erfüllte sich leider nicht. Nach vielen gesundheitlichen und beruflichen Rückschlägen wurde Crailsheim (Baden-Württemberg) seine neue Heimat und Wirkungsstätte. Seine Frau Elisabeth, ebenfalls Lehrerin, unterstützte ihn sehr und bestärkte ihn auch in seiner Arbeit als Lehrer und Chorleiter. Er fing schon bald nach seiner Umsiedlung nach Bayern mit der Aufzeichnung von Volksliedern der ausgesiedelten Deutschen aus den Sprachinseln an. Ihm war bewusst, dass diese Lieder ohne ihren gesellschaftlichen Kontext, ihren Dorfgemeinschaften und die damit verbundenen Singgelegenheiten vom Vergessen bedroht waren. So versuchte er möglichst viele Sängerinnen und Sänger aus den verschiedensten Sprachinseln z.B. der Batschka, dem Banat, Bessarabien, der Dobrudscha, Siebenbürgen, Gottschee, die Wolga- und die Karpatendeutschen, die längst irgendwo in der ganzen Bundesrepublik Deutschland und in Österreich verstreut lebten, nach Möglichkeit aufzusuchen und ihre Lieder festzuhalten.

Wir verdanken ihm eine Vielzahl an interessanten Liedaufzeichnungen, die bis heute auch die Volksliedpflege in Bayern und besonders in Bayerisch-Schwaben bereichern. Sein umfangreichstes Werk, die sechsbändige Sammlung „Geistliche Lieder der Deutschen aus Südosteuropa (hrs. im Auftrag des Instituts für Ostdeutsche Musik, Kludenbach 1987) umfasst allein 2300 Lieder. Im Vorwort von Prof. Dr. Wolfgang Suppan ist dort zu lesen:

„Zu den Sammler- und Forscherpersönlichkeiten der ersten Stunde zählt Konrad Scheierling. Selbst Donauschwabe, wusste er um den Gebrauchswert des Singens, Musizierens und Tanzens in den ehemaligen Sprachinseln: Ein Gebrauchswert, der primär nach der Funktion der Musik für das Wohlbefinden der Menschen fragt – und erst in zweiter Linie der Ästhetik des Schönsingens oder gar der Kunstfertigkeit von Sängern, Musikern oder Tänzern Aufmerksamkeit schenkt. In diesem Sinne hat er aufgezeichnet und authentische Momentaufnahmen geschaffen, die ihrer Summe das Selbstbewusstsein der Umsiedler auch in der neuen/alten Heimat zu begründen vermögen.“

Sein gesamter Nachlass wird heute im Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern aufbewahrt.

Wir laden euch jetzt ein, die einzelnen Stimmen mit uns zu lernen und wünschen euch viel Freude beim Mitsingen!

Für das stimmungsvolle Titelfoto mit der Lichterprozession zur Wieskirche bedanken wir uns ganz herzlich bei dem Fotografen Werner Böglmüller aus Steingaden.

Wuensch_euch_ein_neues_Jahr

Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

6 Gedanken zu „LIEDERLUST – Wünsch euch ein neues Jahr“

  1. Liebe Dagmar, Dir und Deiner Gruppe einen herzlichen Dank. Für das neue Jahr wünsche ich Euch Gesundheit und weiterhin viel Schaffenskraft.
    Liebe Grüße
    Egon

  2. Ihr lieben Sängerinnen und Sänger,
    vielen Dank für die musikalischen Neujahrsgrüße. Wir freuen uns immer aufs Neue, von euch zu hören und durch Lieder aufgemuntert zu werden.
    Herzlichen Dank, Freya und Hubert

  3. Danke Euch von Herzen : Ihr bringt Fröhlichkeit und Zuversicht in diese dunklen Tage,
    liebe Grüße aus Bad Wörishofen,
    Gudrun

  4. Hallo Dagmar und alle Sänger*innen!
    Danke für das Lied, das mir gut gefällt!
    Ich wünsche Euch allen auch alles Gute für das neue Jahr!
    Helga (Otzberg, LKreis Darmstadt-Dieburg)

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