LIEDERLUST – Von roten Rosen und weiten Reisen

Das Lied, das ich euch diesmal vorstellen möchte, hat eine weite Reise hinter sich. Ich habe es 1993 von einer Forschungsreise aus der Karpatho-Ukraine mitgebracht. Im letzten Blogbeitrag vom sprechenden Nussenbaum habe ich euch ja schon ein wenig davon erzählt.
Hier noch ein paar Eindrücke von unserer Reise. Vielleicht versteht ihr dann noch besser, warum diese Lieder für mich so eindrucksvoll waren und bis heute sind:
Bis zum Fall des eisernen Vorhangs 1989 war es unmöglich in das Grenzgebiet, in dem die Munkatscher Sprachinsel liegt, zu reisen und deshalb wusste auch niemand, was aus den deutschen Bewohnern dieser Sprachinsel geworden war. Dazu ein kleiner Exkurs in die Geschichte:

Der zweite Weltkrieg hat schreckliches Leid und Unrecht angerichtet. Millionen Menschen wurden vertrieben und mussten dauerhaft ihre Heimat verlassen. Wenig bekannt ist das Schicksal und der Leidensweg der Russlanddeutschen infolge des zweiten Weltkrieges und des sowjetischen Regimes. Von 1941 bis 1945 wurden 1,1 Millionen Deutsche aus dem europäischen Teil der Sowjetunion in Gebiete östlich des Urals deportiert und mussten dort unter schrecklichsten Bedingungen in Lagern Zwangsarbeit leisten, sozusagen als lebende Reparationsleistung. Auch nach Kriegsende änderte sich ihr Schicksal nicht. Mit einem Dekret des Obersten Sowjets von 1948 wurden die Deportierten auf „ewige Zeiten“ den Deportationsorten zugewiesen. Sie fristeten ein Leben als Arbeitssklaven, als Ausgestoßene, die nicht einmal einen Personalausweis bekamen, sondern lediglich einen „Deportierungsschein“, der sie als „Faschisten“ abwertete. Deutsch konnte, wenn überhaupt, ausschließlich in der Familie gesprochen werden. Erst 1955 änderte sich dieser trostlose Zustand. Sie bekamen Pässe und durften sich einigermaßen frei bewegen. Allerdings durften sie nicht in ihre ehemaligen Siedlungsgebiete an der Wolga, im Kaukasus, an der Krim und in der Ukraine zurückkehren. Umso erstaunlicher war es für uns, dass die Deutschen in der Munkatscher Sprachinsel da waren. Sie durften zurückkehren. Warum, dass wissen wir nicht und das konnten sie uns auch nicht sagen. In den meisten Befragungen kam irgendwann das Gespräch auf diese traumatischen Erlebnisse, die ausnahmslos alle erleiden mussten. Das ließ uns oft sprachlos zurück. Einige erzählten auch, dass die Erinnerung an die Lieder ein unschätzbarer Trost und Rettungsanker in dieser schweren Zeit für sie war. Diese Erzählungen und dann das Vorsingen ihrer Lieder, größer hätte der Kontrast nicht sein können. Ich bin noch heute tief beeindruckt von der Begegnung mit diesen Menschen und ihrem Schicksal.

Aber zurück zu unserer Reise: Wir sind mit dem Zug durch Ungarn bis an die ukrainische Grenze gefahren und waren dann, auf zum Teil wirklich abenteuerlichen Wegen, mit dem Fahrrad unterwegs.
Wir wussten, welche Dörfer deutsche Siedlungen waren und fragten uns dort einfach durch, indem wir Leute auf der Straße ansprachen. Mit unseren voll bepackten Rädern war es meist nicht schwer einen Gesprächsanfang zu finden. Alle waren natürlich neugierig und wollten wissen, woher wir kämen und was wir hier wollten. Vor allem die Älteren sprachen sehr gut deutsch bzw. ihren Dialekt. Auf diese Weise landeten wir immer ziemlich schnell bei den liedkundigen Leuten.

Besonders schön und sehr abgelegen liegen die Böhmerwälder Dörfer nördlich oberhalb von Munkatsch. Für uns schön, für die Bewohner sehr mühsam, da es kaum Busverbindungen ins Tal bzw. nach Munkatsch gab. Sich selbst mit dem zu versorgen, was der Garten und der Wald hergibt, war eine absolute Notwendigkeit. Fast vor jedem Haus trockneten die Schätze des Sommers in der Sonne, damit auch im Winter eine Abwechslung im Speiseplan möglich war. In den wenigen Läden, die wir fanden, gab es oft genug nur trockene Kekse und Sauerkraut in Gläsern, die aussahen, als stünden sie schon jahrelang dort. Frisches Brot zu bekommen, war schon ein großer Erfolg. Aber wir mussten nicht hungern. Oft wurden wir eingeladen und es wurde alles aufgetischt, was die Speisekammer und der Keller hergab. Mir war es oft peinlich, weil ich ja gesehen hatte, wie mühsam die Essensbeschaffung war. Aber die herzliche Gastfreundschaft fegte alle Zweifel beiseite.

Überhaupt waren alle Befragten unglaublich offen und auskunftsfreudig. Mit großer Geduld haben sie uns Fragen beantwortet und viele Stunden lang Lieder vorgesungen. Als besonders liedkundige und stimmsichere Sängerin ist mir Maria Pfister (*1935) aus Deutsch-Kutschowa im Gedächtnis geblieben. Sie konnte lange Balladen mit mehr als zwanzig Strophen auswendig singen und hatte viele schöne und ungewöhnliche Lieder in ihrem persönlichen Repertoire. Ganz besonders berührt hat mich das Lied von den „Roten Rosen“. Es sind nur drei kurze Strophen, aber darin spiegelt sich soviel Zuneigung und Sehnsucht in wenigen und sehr poetischen Zeilen – erzählt mit wunderbaren Bildern, die einfach zeitlos schön sind.
Aber hört es euch selbst an.

Ich hoffe sehr, dass euch dieses Lied genauso anrührt wie mich und wünsche viel Freude beim Mitsingen!

Rote-Rosen-gruene-Blaetter

Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

8 Gedanken zu „LIEDERLUST – Von roten Rosen und weiten Reisen“

  1. Das ist wirklich eine ganz tolle Idee.
    Ich singe so gerne mit Euch mit.
    Habt ihr vielleicht das Lied „Draußen im Wald is scho finsta“?
    Macht bitte weiter mit Eurem Angebot.

  2. Eine ganz tolle Idee. Ich singe so gerne mit Euch mit.
    Habt Ihr vielleicht das Lied „Draußen im Wald is scho finsta“?
    Macht auf alle Fälle weiter.

    1. Liebe Angelika, das freut uns natürlich sehr. Das von dir genannte Lied haben wir leider nicht in unserem Repertoire. Herzliche Grüße, Dagmar

  3. Recht vielen Dank, Ihr seid großartig. Das Lied von den Handwerksgesellen haben wir bei einer Singstund vom Erich bekommen und im Chor auch schon gesungen. Das Lied von den roten Rosen kann ich leider nicht herunter laden. Bitte macht weiter so! Herzlichen Dank!

    1. Lieber Egon, es macht uns selbst auch große Freude, die Lieder einzusingen. Danke auch für den Hinweis mit dem Liedblatt. Jetzt müsste es funktionieren.

  4. Liebe Dagmar, vielen Dank für diese schönen Lieder. Ich singe sie sehr gerne und Ulrike begleitet mich mit der Zither.
    Liebe Grüße Rudi

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