LIEDERLUST – Wenn ichs ein Vogel wär

Feldforschung fühlt sich manchmal an wie Detektivarbeit. Viele kleine Einzelteile müssen zusammengetragen werden. Man hangelt sich von einem zum anderen ohne großartige neue Erkenntnisse zu gewinnen. Und manchmal findet man ganz unverhofft etwas Besonderes. Das sind immer die schönsten Momente bei Befragungen. So ist es mir mit der Liedaufzeichnung, die ich euch heute vorstellen möchte, ergangen.

Bei einer Befragung im Ostallgäu 1993 bin ich auf den 86jährigen Anton Keller aus Kappel, einem Ortsteil von Pfronten, aufmerksam geworden. Herr Keller, von Beruf Feinmechaniker, entstammt einer sehr musikalischen Familie. Im Kellerschen Hause wurde viel und gern musiziert und auch gesungen. Seine Lieder hat Herr Keller hauptsächlich von seinen zwei wesentlich älteren Schwestern gelernt. Die beiden waren sehr singbegeistert und konnten sich Lieder sehr gut merken und ziemlich schnell nachsingen. Eine wichtige Liedquelle war auch die Tante (*1868), die für die beiden Schwestern ein Liederbüchlein mit ihren Lieblingsliedern zusammengestellt hat. Bei der Befragung diente diese Liedtextsammlung als Erinnerungsstütze und Leitfaden. Herr Keller blätterte im Heft und beim Lesen kehrte die Erinnerung an die Melodien zurück. Ich fragte ihn dann vor allem nach den Liedern, die mir fremd waren. Ein Lied lag ihm allerdings besonders am Herzen, das ich mehrmals überblätterte, weil mir der Text bekannt war und so ging ich davon aus, dass es mit der Melodie genauso ist. ‚Wenn ich ein Vogel wär und auch zwei Flügel hätt’ ist ja in vielen Liederbüchern abgedruckt und bis heute geläufig.

Faksimile aus „Deutscher Liederhort“ von Ludwig Erk und Franz Magnus Böhme, Bd.II. Leipzig 1894, S.333.

Umso mehr staunte ich, als mir Herr Keller ‚seine’ Fassung von ‚Wenn ichs ein Vogel wär’ vorsang. Sie war völlig anders, als die, die ich schon kannte. In großen Tonsprüngen, fast schon wie ein Jodler, umspannt die Melodie einen Tonumfang von eineinhalb Oktaven. Ich war sofort verzaubert von dieser ungewöhnlichen und, wie ich finde, wunderschönen Variante. Und ich war beeindruckt, wie souverän Herr Keller mir das Lied mit seinen 86 Jahren mit hoher Tenorstimme vorsang. Da merkte man noch immer den geübten Sänger, auch wenn ihm jetzt die Singgelegenheiten fehlten.

Zur Geschichte des Liedes
Der Text von ‚Wenn ich ein Vöglein wär’ (bekannt auch unter dem Titel ‚Flug der Liebe’) wurde erstmals 1778 in Herders Volksliedern abgedruckt und seitdem unzählige Male in verschiedenen Liedsammlungen veröffentlicht. Die heute übliche Melodie geht auf das Singspiel ‚Liebe und Treue’ von J.F.Reichardt (Berlin 1800) zurück. Dort wird das Lied als ‚Schweizerlied’ bezeichnet. Offensichtlich existierten zu dem zunächst nur als Text verbreiteten Lied vielfältige regionale Varianten der Melodie, bevor sich endgültig die heute bekannte (siehe obiges Notenbeispiel) durchsetzen konnte. Der fränkische Liedforscher Franz Wilhelm Freiherr von Ditfurth publizierte 1855 in seiner Liedersammlung „Fränkische Volkslieder“ noch fünf verschiedene Melodievarianten zu unserem Text. Darunter befindet sich auch eine sehr ähnliche Melodie zu unserer Pfrontner Variante. Aufgeschrieben hat er sie in Hammelburg, das so ziemlich am anderen Ende Bayerns liegt – von Pfronten aus gesehen. Wie das wohl wieder zusammenhängt? Welche Sängerin oder welcher Musikant hat das Lied mitgenommen und weitergetragen? Oder gibt es gar keinen direkten Zusammenhang? Wir werden es wohl nie erfahren. Spannend ist es trotzdem!

Und nun viel Freude und Geduld beim Anhören, Zuschauen, Lernen und Mitsingen!

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Das Liedblatt können Sie hier herunterladen: Wenn ichs ein Vogel wär.pdf

Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

Ein Gedanke zu „LIEDERLUST – Wenn ichs ein Vogel wär“

  1. Wieder ein sehr schönes von der Melodie anspruchsvolles Lied. Hoffentlich können wir es mal in Singstunde oder Singtagen ausprobieren Danke!
    Heidi

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