Wem gehört Volksmusik?

26. Seminar für Volksmusikforschung und -pflege in Bamberg

Vom 20. bis 22. Februar 2026 fand in Bamberg das 26. Seminar für Volksmusikforschung und -pflege unter dem Titel „Wem gehört Volksmusik?“ statt. Veranstaltet wurde das Seminar vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege in Kooperation mit dem Lehrstuhl „Europäische Ethnologie“ der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wissenschaft, Musikpraxis und Kulturarbeit kamen zusammen, um aus unterschiedlichen Perspektiven über Herkunft, Bedeutung und Zukunft der Volksmusik zu diskutieren.

Auftakt in den Haas-Sälen

Der Freitagabend in den Haas-Sälen bildete den festlichen Auftakt des Seminars. Nach der Begrüßung durch den Geschäftsführer des Landesvereins, Dr. Rudolf Neumaier, richtete der Zweite Bürgermeister der Stadt Bamberg, Jonas Glüsenkamp, ein Grußwort an die Gäste.

Den zentralen Programmpunkt des Abends bildete der Festvortrag von Prof. Dr. Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger von Oberfranken und stellvertretender Vorsitzender des Landesvereins. Der Historiker und Volkskundler näherte sich der Leitfrage „Wem gehört Volksmusik?“ aus historischer und gegenwartsbezogener Perspektive. Dabei beleuchtete er nicht nur die Entwicklung des Begriffs „Volksmusik“, sondern stellte auch die Frage nach ihren Akteurinnen und Akteuren: Wer macht Volksmusik heute – und wer fühlt sich zu ihr zugehörig? Der Vortrag eröffnete einen weiten Blick auf ein musikalisches Feld, das sich ständig verändert und dennoch stark mit regionaler Identität verbunden bleibt. 

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Wem gehört Volksmusik? – von Günter Dippold

Im Anschluss diskutierten auf dem Podium neben Günter Dippold der Bamberger Bürgermeister Jonas Glüsenkamp, die Musikerin Marja Burchard sowie die Ethnomusikologin Juniper Hill von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Moderiert wurde das Gespräch von Lioba Degenfelder. Besonders spannend war dabei der Blick von außen: Marja Burchard, Multiinstrumentalistin und Leiterin der Band Embryo, ist selbst nicht in der bayerischen Volksmusikszene sozialisiert. Ihre Erfahrungen mit unterschiedlichen musikalischen Traditionen aus verschiedenen Teilen der Welt ermöglichten einen anderen Zugang zur Diskussion. Auf die Frage, was in ihrer Jugend hätte geschehen müssen, damit sie selbst Volksmusik gespielt hätte, antwortete sie: Vermutlich hätte dies über engagierte Lehrkräfte in der Schule geschehen müssen – Institutionen allein wirkten auf junge Menschen selten besonders einladend.

Jonas Glüsenkamp, Günter Dippold, Marja Burchard und Lioba Degenfelder bei der Podiumsdiskussion
Jonas Glüsenkamp, Günter Dippold, Marja Burchard, Lioba Degenfelder
Prof. Dr. Günter Dippold bei seinem Festvortrag
Prof. Dr. Günter Dippold

Den musikalischen Abschluss des Abends gestaltete die Kapelle Boxgalopp mit einem Tanzabend. Zu diesem offenen Programmpunkt kamen neben den Seminarteilnehmenden auch zahlreiche weitere Gäste aus Bamberg und seinem Umland. Das Publikum spiegelte dabei die thematische Offenheit des Seminars wider: Jüngere und Ältere Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Tanzformen kamen zusammen – ein lebendiges Beispiel dafür, wie Volksmusik heute Gemeinschaft stiften kann.

Wissenschaftliche „Touren“ durch die Volksmusik

Für die wissenschaftlichen Vorträge versammelten sich die Teilnehmer und Referenten am Samstag früh in den Räumen des Lehrstuhls Europäische Ethnologie der Uni Bamberg. Eröffnet wurde der Fachkongress „Wem gehört Volksmusik?“ mit einer musikalischen Begrüßung von Sebastian Gröller vom Bayerischen Landesverein sowie durch die Institutsleiterin, Frau Professorin Barbara Wittmann.

Die folgenden Vorträge waren in thematische „Touren“ gegliedert, benannt nach den Teilen der volksmusikalischen Tanzform „Francaise“, und verbanden historische musikwissenschaftliche Forschungsansätze, kulturwissenschaftliche Perspektiven und aktuelle Fragestellungen.

Die erste Tour („Zwischen Fund und Erfindung“) widmete sich historischen Entwicklungen der Volksmusik. Dr. Reinhard Baumgartner zeigte anhand des Notenschatzes der „Lenzwenger Musikanten“ Veränderungen von 1823 bis 1960 auf. Evi Heigl sprach über die Einführung des Alphorns als regionale Besonderheit im Allgäu, während Ernst Schusser das Verhältnis von institutionalisierter und freier Volksmusikpflege beleuchtete.

Nach einem gemeinsamen „Hungertanz“ – einer halbstündigen Tanzrunde als praktische Ergänzung zur Theorie – ging es nach dem Mittagessen mit der zweiten Tour weiter. Unter dem Titel „Volksmusik und künstliche Intelligenz“ stellte Markus Mayer von der Technischen Hochschule Deggendorf Grundlagen der KI-Forschung vor und verwies auf mögliche Anwendungen für die Volksmusikforschung, bevor Nadja Celoud mit Überlegungen zu Chancen und Herausforderungen von KI für die kulturelle Praxis und die Volksmusik-Forschung nahtlos anknüpfte. Der Schweizer Forscher Dr. Yannick Wey berichtete schließlich von experimentellen Projekten, etwa einer interaktiven Installation mit einer „jodelnden“ künstlichen Intelligenz beim Festival Alpentöne.

Die dritte Tour widmete sich interkulturellen Perspektiven. Die Musikerin Rezvan Sayyad stellte ihr aus dem Iran stammendes Instrument, die Kamanche, vor und berichtete von ihrem Weg als Musikerin vom Iran nach Deutschland. Dr. Juniper Hill präsentierte ihr Dokumentationsprojekt „Music of Our Neighbors“, das musikalische Traditionen von Musikerinnen und Musikern in Franken sichtbar macht. Weitere Beiträge von Birgit Ellinghaus und Julian Warner zeigten anhand konkreter Projekte, wie musikalische Traditionen durch Migration und gegenseitigen Austausch innerhalb der Gesellschaft neue Formen annehmen können.

Prof. Julian Warner bei seinem Vortrag
Julian Warner
Evi Heigl bei ihrem Vortrag
Evi Heigl

Den Abschluss des Samstags bildete ein Abendvortrag von PD Dr. Matthias Pöhlmann zur sogenannten „Anastasia-Bewegung“. Unter dem Titel „Grüne Schale, brauner Kern“ beleuchtete er die ideologischen Hintergründe dieser esoterisch geprägten Szene mit ihren Verbindungen zu antisemitischen und rechtsextremen Denkweisen.

Der Tag klang im Bamberger Brauhaus „Sternla“ aus, wo sich die Teilnehmenden zu einem gemeinsamen Wirtshausabend trafen. Beim gemeinsamen Singen und Musizieren wurde deutlich, dass Volksmusik nicht nur Gegenstand der Forschung, sondern vor allem gelebte Praxis ist.

Authentizität, Erinnerung und Vernetzung

Am Sonntagmorgen sprach Manfred Bartmann zu Beginn von Tour vier, „Volksmusik und Authentizität“, über Verlustnarrative als strukturelle Einflüsse auf Folk-Musikkulturen. Manfred Seifert beleuchtete historische Neuausrichtungen der Volksmusikpflege anhand der Akteure Josef Pommer, Kiem Pauli und Wastl Fanderl. Johannes Müske berichtete schließlich aus seiner Feldforschung über gemeinsames Volksliedsingen als Form von Heimatpflege und Bewältigung in unsicheren Zeiten.

Die abschließende fünfte Tour, „Volksmusik vernetzt“, stellte Projekte vor, die musikalische Erinnerungskultur aktiv gestalten. Thomas Spindler präsentierte das Projekt „Arche Musica“, das sich unter anderem mit deutsch-hebräischen Liedtraditionen beschäftigt. Erna Ströbitzer vom österreichischen Volksliedwerk stellte die sogenannte „Kontra“ vor – eine dreisaitige Bratsche mit flachem Steg, die in bestimmten mitteleuropäischen Musiktraditionen vor allem als Nachschlag-Instrument eine wichtige Rolle spielt.

Zum Abschluss zogen die Veranstalter eine positive Bilanz. Das Seminar zeigte eindrucksvoll, wie vielfältig und dynamisch das Feld der Volksmusik heute ist. Historische Forschung, kulturelle Praxis, internationale Perspektiven und neue Technologien traten zueinander in einen produktiven Dialog. Damit wurde die Leitfrage des Seminars auf vielfältige Weise beantwortet: Volksmusik gehört vielen – denen, die sie erforschen, pflegen und weitergeben. Denen, die sie spielen, singen und tanzen. Und ebenso denen, die ihr zuhören – und letztlich allen, die sie lieben.

Vorbereitet wurde das Seminar von einem Arbeitskreis aus Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Institutionen: Sebastian Gröller, Alois Schmelz und Carolin Pruy-Popp vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, Barbara Wittmann und Marion Hartmann von der Europäischen Ethnologie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Heidi Christ von der Forschungsstelle für Fränkische Volksmusik, Florian Schwemin von der Kultur- und Heimatpflege des Bezirk Oberpfalz sowie Manfred Seifert von der Philipps-Universität Marburg. Gefördert wurde das Seminar von der Oberfrankenstiftung und dem Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat.

Bilder von Jana Lobe

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