LIEDERLUST – Jetzt reisen wir zum Tor hinaus

Wahrscheinlich habt ihr schon gemerkt, dass mir die klangvollen, auch manchmal etwas melancholischen Lieder die liebsten sind und davon wiederum gehören die Abschiedslieder zu den schönsten. Außerdem schadet es nicht, wenn man mehrere Abschiedslieder kennt, denn dann kann man das Heimgehen noch etwas hinauszögern. Deshalb wollen wir euer Repertoire mit einem wunderschönen Lied aus dieser Kategorie erweitern.

Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist das Blättern in Liederbüchern – einfach so durchstreifen, Melodien vor sich hin summen, Texte lesen und dabei alten Bekannten begegnen und neue Schätze entdecken. Es ist wirklich superinteressant und ich kann es euch nur wärmstens empfehlen. Bei einer dieser Streifzüge bin ich in der Liedersammlung „Blüh nur blüh, mein Sommerkorn“, einer Sammlung von Liedern aus ehemaligen deutschen Siedlungen in Südosteuropa und aus dem Sudetenland, auf das schöne Abschiedslied „Jetzt reisen wir zum Tor hinaus“ gestoßen. Ich finde es wirklich besonders zu Herzen gehend. Vielleicht deshalb, weil sich der fortreisende junge Mann in der Ich-Form an seine Liebste wendet und sie direkt anspricht. Und dieses Stilmittel hat große Wirkung – es macht das Ganze sehr persönlich und ungemein berührend. Aufgezeichnet wurde dieses einfache, aber sehr eindrückliche Lied in Slawonien.

Unbekanntes Slawonien
Slawonien – wo soll das denn sein? Wikipedia gibt hier Auskunft:
Slawonien (auch ‚Slavonien’, kroatisch ‚Slavonija’, ungarisch ‚Slavónica, das Slawenland) ist eine historische Region im Osten Kroatiens und gilt als dessen Kornkammer. Sie erstreckt sich in Ost-West-Richtung etwa 150 km zwischen Südungarn und Bosnien. Einen Großteil der Fläche Slawoniens nehmen die Ebenen zwischen den großen Donau-Nebenflüssen Save und Drau ein. Im Osten reicht es bis zur Donau und der serbischen Grenze.

Donauschwäbische Siedlungsgebiete (1683 – 1944/45); Kartenausschnitt aus:
Scheierling Konrad: Donauschwäbisches Liederbuch, Straubing, 1985.

Deutsche Lieder in Slawonien
Doch warum wurden in Slawonien deutsche Lieder gesungen? Ganz vereinfacht gesagt, hat dies mit den Türken und mit den Österreichern zu tun bzw. mit den Türkenkriegen und der Habsburgermonarchie. Auch hier hilft uns Wikipedia weiter:
Im 16. Jahrhundert wurde der größte Teil des Königreiches Dalmatien, Kroatien und Slawonien vom Osmanischen Reich erobert. Unter Kaiser Leopold I. wurde ganz Slawonien zurückerobert und im Karlowitzer Frieden 1699 an Österreich abgetreten. Um das fruchtbare, aber durch ständige Kriege im Grenzbereich zum Osmanischen Reich weitgehend entvölkerte Land zu stabilisieren, wurden Wehrbauern und Siedler aus der gesamten Habsburgermonarchie, aber auch aus Südwestdeutschland geholt. Daher hat Slawonien seit Jahrhunderten eine sehr gemischte ethnische Zusammensetzung.

Abschied für kurze Zeit oder für immer!?
Doch nun zurück zu unserem Lied: Vermutlich handelt es sich bei unserem Lied nicht um ein einfaches Abschiedslied, sondern um ein Abschiedslied der Rekruten, die zum Militärdienst eingezogen wurden – irgendwo in die Weiten des Habsburger Reiches, oftmals auf lange Zeit. Ohne die Möglichkeit direkten Kontakt zu halten. So ein Abschied hatte eine andere Dimension als in der heutigen Zeit, in der wir jederzeit per Messengerdienst verbunden sein können, wenn wir das wollen. Mit diesem Lied nimmt der junge Mann Abschied von seiner Liebsten. Sehr oft war es auch ein Abschied für immer….
Und Abschiednehmen ist irgendwie auch ein zeitloses Thema. Wahrscheinlich sprechen uns diese Lieder deshalb auch heute noch an. Es muss ja nicht gleich ein Abschied für immer sein. Manchmal können ja schon zwei Wochen, in denen man aufeinander warten muss, endlos sein. Deshalb nun hier als kleiner Seelenbalsam dieses Lied, das euch hoffentlich genauso berührt wie uns.

Wir wünschen euch viel Freude beim Zuhören, Schauen und Mitsingen!

Jetzt-reisen-wir-zum-Tor-2st.-Partitur-Kopie

Alle Beiträge zur LIEDERLUST finden Sie HIER.

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

Ein Gedanke zu „LIEDERLUST – Jetzt reisen wir zum Tor hinaus“

  1. Ich finde auch, daß Abschiedslieder zu den schönsten zählen. Weil sie ein Gefühl ansprechen, das jeder kennt und schon erlebt hat. Und weil sie dieses Gefühl zum Ausdruck bringen.
    Und ich finde, daß ihr hier eine wirklich schöne Liedauswahl immer wieder zu neuem Leben erweckt.
    Auch für „Nicht-Volksmusik-Hardcore-Fans“ 😉
    Vielen Dank,
    Peter

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