LIEDERLUST ♪ 66 – Wenn das Glöcklein sechs Uhr schlägt

Im September beginnt das neue Lehrjahr und für viele endgültig der Ernst des Lebens. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ und viele andere Sprüche weckten nicht gerade die Lust auf diese Lebensphase. Zum Glück hat sich hier viel verändert und die Lehrlinge werden heute mehr gewürdigt, als das vor nicht allzu langer Zeit noch der Fall war. Besonders beliebte Aufgabe für den Lehrling war, die Brotzeit zu besorgen. Das spiegelt sich auch in unserem neuen LIEDERLUST-Lied wieder, das den Tagesablauf von Handwerksburschen mit viel Augenzwinkern durchexerziert.

Der Tag eines Handwerksburschen ist genau durchgetaktet und am Wichtigsten ist – na was denkt ihr – natürlich das Essen und das Trinken. Ob das stimmt? Jedenfalls findet man dieses Klischee auffällig häufig in Liedern, die vom Handwerk handeln. Sei es nun vom Schlossergesell, der seinem Meister die Haare vom Kopf frisst oder in unserem Falle von den Zimmerleuten, die sich schon am frühen Morgen sechs, sieba Schoppa schmecken lassen.
Ganz sicher ist das nicht ernst gemeint. Humor ist einfach die beste „Waffe“ um im harten Alltag zu bestehen. Wenn man über sich selbst lachen kann, dann geht alles viel leichter. Diesem Bedürfnis haben wir viele lustige Lieder zu verdanken, die mit ihrer Selbstironie ein wenig Leichtigkeit in den Alltag zaubern. Ich glaub, das können wir gerade alle gut gebrauchen!

Max hatte auf jeden Fall Spaß beim Aufnehmen!

Handwerker beginnen ihr Tagwerk früh am Morgen. Um sechs Uhr geht’s los mit dem Schaffen und um fünf Uhr ist endlich Zeit für den Feierabend und zum Feiern. Zumindest wenn man unserem Lied glauben will. „Wenn das Glöcklein sechs Uhr schlägt“ ist eine Aufzeichnung aus dem Kesseltal, dieser liedreichen Gegend in Nordschwaben, von der ich euch schon öfters erzählt habe. An vielen Abenden haben mir die Kesseltaler Sänger ihre Lieder vorgesungen. Es ist wirklich ein ganz besonderer Liedschatz, den sie sich bewahrt haben – mit poetischen, witzigen und auch sehr originellen Liedern, die man zum Teil auch wirklich nur noch dort finden konnte.

Wer schafft? Schuaschter und Schneider! Was sind mir? Zimmerleit!

Bei den Handwerkern, die in unserer Aufzeichnung zu Wort kommen, handelt es sich um Zimmerleute. Und das Besondere und auch Originelle an dieser Variante sind die witzigen Zwischenrufe, die mit Inbrunst geschrien werden. Das klappt natürlich besonders gut in großer Runde zu vorgerückter Stunde, wenn die Stimmung schon gelöst ist.

Eine ganz ähnliche Fassung konnte im oberfränkischen Kronach aufgezeichnet werden. Allerdings kommen hier die Flößer zu Wort.

Ein gedruckter Beleg des Zimmererliedes findet sich in einer kleinen Liedersammlung der Mafell-Maschinenfabrik aus Oberndorf-Aistaig im Neckartal (Baden-Württemberg). Vermutlich handelt es sich um eine Werbeaktion der Firma. Das kleine Heft trägt den Titel „Das singende Mafelleisen – Gesungenes und Gesägtes aus der Zimmermanns-Praxis. Ein kleiner Beitrag zu frohem Sang und freudigem Schaffen, zusammengezimmert von Mafell.“

In der hübsch illustrierten, aber leider nicht datierten Ausgabe ist sogar noch eine Strophe mehr zu finden, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Wenn das Glöcklein drei Uhr schlägt, vier Uhr schlägt,
wir zum Vesper sind bewegt.
Ei, da tut die Köchin winken, „Gesellen, kommt zum Kaffeetrinken!“
Trinkt ein jeder nach seinem Maß, fünf, sechs, sieben – oder keine Taß!

Der Text ist nahezu identisch, nur die Melodie stimmt nicht mit unserer gesungenen Variante überein. Es fehlen auch die Zwischenrufe.

Das kleine Singbüchlein ist ein schöner Beleg für den Stellenwert des Singens bei den Zimmerleuten. Auch heute noch. Die Zimmerleute gehen bis heute auf die Walz und pflegen einen ganz eigenen Liedschatz.

Auf jeden Fall macht es großen Spaß das Lied „Wenn das Glöckelein sechs Uhr schlägt“ zu singen – auch wenn man kein Zimmerer oder Flößer ist. Tut euch keinen Zwang an, hier dürft ihr mal richtig laut sein.

Und nun, tief Luft holen, Stimme ölen und los geht’s!

Zum Filmen waren wir diesmal an einem ganz besonderen Ort, dem Stockerhof in Naichen im Landkreis Günzburg – ein kleines, aber feines Museum des Bezirks Schwaben, genauer gesagt, eine original erhaltene Hammerschmiede. Die alte Werkstatt hat wirklich ein ganz besonderes Flair und passt einfach perfekt. Vielen Dank, dass wir dort aufnehmen durften.


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