LIEDERLUST ♪ 64 – Jetzt ist die Zeit und Stunde da

Fahren oder bleiben, aushalten oder fortgehen? Diesen Zwiespalt im Kleinen, aber auch im Großen kennt bestimmt jeder. Besonders schwerwiegend ist so eine Entscheidung natürlich, wenn es die ganze Lebenssituation betrifft. Ärmliche Lebensverhältnisse, mit wenig Perspektive auf Besserung war für viele Menschen hierzulande im 19. Jahrhundert harter Alltag. So trafen die begeisterten Lobeshymnen von Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf offene Ohren. Hier kann es angeblich jeder schaffen, der sich anstrengt und hart arbeitet. Hundertausende packten ihr Bündel und machten sich auf den Weg – im Gepäck vor allem die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Davon erzählt auch unser neues Liederlust-Lied „Jetzt ist die Zeit und Stunde da, wo wir reisen nach Amerika.“

Dieses sehr berührende Auswandererlied ist eine Aufzeichnung aus Rinchnach im Bayrischen Wald. In mehreren Strophen wird die Situation des Aufbruchs und der Abschied von Familie und Freunden wirklich herzzerreißend beschrieben z.B. in der dritten Strophe: „Ihr lieben Freund und Anverwandt, reicht uns zum letzten Mal die Hand, ihr lieben Freunde trauert nicht so sehr, heut sehn wir uns dann nimmermehr!“

Heute, im Zeitalter von digitalen Medien, mit denen man sich in Echtzeit zusammenschalten kann, auch mit Bild, kann man es kaum mehr ermessen, was damals die Auswanderung nach Amerika bedeutet hat. Vermutlich war es in den meisten Fällen ein Abschied für immer. Die genannte Strophe ist also keineswegs eine Übertreibung: „Heut sehn wir uns, dann nimmermehr!“

Einen alten Schuppen fanden wir als Kulisse ganz passend.

„Jetzt ist die Zeit und Stunde da, wo wir reisen nach Amerika, die Wagen stehn schon vor der Tür, mit Weib und Kind marschieren wir!“ In sechs Strophen wird Abschied genommen, die gefährliche Reise übers Meer und die glückliche Ankunft in Amerika beschrieben.

Das Lied wird rhythmisch sehr frei ausgesungen, es lässt sich nicht in ein Taktschema pressen. Und das ist ja gerade das Schöne daran. Wie es bei vielen alten Aufzeichnungen der Fall ist, wird jede Strophe von einer Sängerin oder einem Sänger frei angesungen, die oder der andere stimmt dann ein und übersingt in der Terz. Die Hauptstimme ist also die untere Stimme.

Überliefert wurde diese schöne Fassung in der Familie der Schwestern Maria Weber (*1910) und Rosa Perl (*1906). Das Lied wurde vom Vater (*1870) und der Tante der beiden Sängerinnen immer am Josefstag gesungen – in Erinnerung an den Sepperl, den Sohn der Tante, der nach Amerika ausgewandert war. Nach einigen Briefen hatte man keine Nachricht mehr erhalten und seitdem galt er als verschollen. „Heut sehn wir uns, dann nimmermehr!“
Wie wahr doch diese Liedzeilen sind. Vielleicht gerade deshalb berührt das Lied auch heute noch so sehr, weil es das Schicksal vieler Auswanderer widerspiegelt.

Christoph gibt den Ton an.

Als Textautor dieses Auswandererliedes gilt der württembergische Volksschullehrer Samuel Friedrich Sauter (1766 – 1846), der vor allem durch sein Lied vom armen Dorfschulmeisterlein bekannt geworden ist. 1845 erscheint in Karlsruhe der Band „Die sämmtlichen Gedichte des alten Dorfschulmeisters“, in dem auch das „Abschiedslied für Auswanderer nach Amerika“ (Nun ist die Scheidestunde da, Adieu!) mit der Datierung „12. Juni 1830“ enthalten ist. Interessant und aufschlussreich finde ich vor allem die Strophe von der Reise übers Meer.

In der Rinchnacher Fassung heißt es:

Und als das Schiff ins Wasser stieg,
da wurden fromme Lieder angstimmt.
Wir scheuen keinen Wasserfall
und denken, Gott ist überall.

Über diese Textstelle bin ich immer gestolpert und es hat mich auch ein wenig amüsiert, dass die Leute dachten, auf dem Meer gibt es einen Wasserfall. Seltsam. Wenn man sich allerdings die Ursprungsfassung anschaut, löst sich das Rätsel. Hier heißt es nämlich:

Wenn unser Schiff im Meere schwimmt,
so werden Lieder angestimmt.
Wir fürchten nicht den Wasserschwall,
und denken Gott ist überall.

Das klingt schon logischer. Aber wie es halt so ist, wenn Lieder von Ohr zu Ohr weitergegeben werden, dann schleichen sich Hörfehler ein. So wurde aus dem Wasserschwall ein Wasserfall. Auf jeden Fall ist es gefährlich, sich auf die Reise übers Meer zu machen. Das war wohl die wichtigste Intention dieser Strophe. Ob jetzt mit Wasserschwall oder mit Wasserfall.

Erst relativ spät sind uns von diesem Auswandererlied auch Melodiefassungen überliefert. Die unserer Fassung am ähnlichsten findet sich im Deutschen Liederhort von Erk-Böhme (Leipzig 1894).

Die gleiche Strophenauswahl, aber eine völlig andere Melodie konnte ich in Christertshofen im Landkreis Neu-Ulm aufzeichnen. Dort hat es mir der Wirt vom örtlichen Wirtshaus, Karl Ritter (*1914) vorgesungen. Dass diese Aufzeichnung etwas Besonderes war, hab ich erst bei der näheren Beschäftigung mit der Herkunft des Liedes bemerkt. Denn in der Feldforschung der letzten Jahre konnten in Bayern nur drei Fassungen des Liedes mit Tonband dokumentiert werden: in Christertshofen (Bayerisch-Schwaben) und zwei im Bayerischen Wald: eine in Zwiesel und eben die von uns gesungene in Rinchnach. Diese Fassung hat übrigens 1984 der Münchner Volkskundler Wolfgang A. Mayer aufgezeichnet.

Wir hoffen nun, dass euch dieses Auswandererlied genauso berührt wie uns und wünschen euch ganz viel Freude beim Lauschen und Mitsingen!


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4 Kommentare

  1. Vielen Dank für dieses berührende Lied! Ich hätte den Vorschlag, dass Sie davon eine schön gestalteten Notenausgabe drucken, die auch im Musikalienhandel erhältlich wäre ! Bestimmt gibt es zahlreiche Käufer! Volksmusik und digital passt einfach nicht! Wenn ich eine Notenausgabe IN DER HAND habe, ist die Freude darüber eine ganz besondere! Herzlichen Gruß von Siegfried Lackner aus München

    1. Lieber Herr Lackner, vielen Dank für die Anregung. Das ist im Prinzip eine gute Idee. Momentan liegt der Schwerpunkt in diesem Format auf der Vermittlung nach dem Gehör, deshalb gibt es nicht immer einen geschriebenen Satz dazu. Uns ist es wichtig, die oftmals rhythmisch sehr freie Singweise dieser Lieder hörbar zu machen. Das ist im Notenbild bei vielen Liedern nur schwer abbildbar. Das war und ist die Grundidee bei unserer Liederlust. Ganz herzliche Grüße, Dagmar Held.

  2. Hallo, Ihr Lieben,
    als mir dieses Lied erstmals begegnet ist, musste ich heulen wie ein Schlosshund. Irgendwas ist darin, das direkt am inneren Wasser anklopft. Inzwischen geht es! 😉
    Ich danke euch dafür, dass ihr diese Schätze hütet und das Feuer weiterreicht.
    Liebe Grüße aus Schleswig-Holstein

  3. Liebe Dagmar, lieber Christoph,
    vielen Dank für den netten Tag beim offenen Singen im Museumshof zu Obergünzburg. Meine Frau und ich haben diesen Tag sehr genossen und freuen uns schon auf das nächste Singen. Danke für diese schönen Stunden. Leider halt viel zu kurz.

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