LIEDERLUST ♪ 63 – Wer steht drauß, wer klopfet an

Man sollte sich seiner Sache nie zu sicher sein bzw. seine Rechnung nicht ohne den Wirt – oder in unserem Fall – ohne die Wirtin machen, wie man so schön sagt. In unserem neuen LIEDERLUST-Lied geht ein spontanes Date nicht so aus wie erhofft. Die Angebetete lässt ihren Verehrer eiskalt abblitzen. Kein Wunder, denn sein Annäherungsversuch war alles andere als kreativ und romantisch. Was sich genau abgespielt hat, das erfahrt ihr gleich.

‚Wer steht draus, wer klopfet an, der so leise klopfen kann?’ Das hört sich eigentlich schon sehr romantisch an für heutige Ohren und gleich stellt man sich die nächtliche Szene vor. Irgendwie aufregend, wenn man so geweckt wird. Früher war es nicht so einfach sich mit seiner Liebsten zu treffen. Ein heimliches Stelldichein am Kammerfenster war oft die einzige Möglichkeit für ein Rendezvous. Diese Situation wird auch oft in Liedern beschrieben und nicht immer ist die Sache gut ausgegangen. Man denke nur an die Not des Fensterstockhias, der bei so einer Aktion fast das halbe Haus abgerissen hat. 

So weit kommts in unserem Fall erst gar nicht. Das Rendezvous endet schon gleich nach der ersten zarten Annäherung wegen eines groben Fouls seitens des jungen Mannes. Ihm fällt nichts Besseres ein, als mit seinem Geldbeutel zu winken. ‚Einen Taler schenk ich dir, wannst mi schlafen lasst bei dir!’ Das kommt gar nicht gut an. Und wie ich finde, ganz zurecht. Prompt kommt auch gleich die Abfuhr: ‚Ghalt da dein Taler und sauf da an Rausch o, such dir an anders schöns Schatzerl aus.’
Tja, das wars dann wohl. Beleidigt zieht der Abgewiesene von dannen: ‚Wirst no oft bloß umma steh, wannst mi siegst mit ra andern geh.’

Vielleicht hats aber auch einfach von beiden Seiten aus nicht gepasst, denn zum Schluss heißt es: ‚Und unser Bettstadl hot si gwendt und unser Liabschaft, di hot an End!’

Max hat eine passende Tür für unser Lied ausgewählt.

Varianten unseres Liederlust-Liedes sind bis heute verbreitet. Am bekanntesten ist wohl die Fassung mit diesem Anfang:

Es scheint der Mond so hell auf dieser Welt,
zu meinem Mädel bin ich hinbestellt,
zu meinem Madel, Junge, Junge, Junge, da muss ich gehn, ja gehn,
vor ihrem Fensterlein, da bleib ich stehn.

Text und Verfasser sind nicht bekannt. Vermutlich ist es im 19. Jahrhundert entstanden und war als Marschlied beim Militär sehr beliebt.

Ich kenn dieses Lied aus meiner Jugendzeit, da gehörte es zum festen Liedrepertoire beim ‚Brautstehlen’. Bei uns in der Gegend (Lkr. Neu-Ulm) war es üblich jedes ‚Haus‘ zur Hochzeit einzuladen. Man erschien dann ‚zeitlich gestaffelt’ zum Fest. War man zum Mahl geladen, war man natürlich die ganze Zeit mit dabei. Am Nachmittag kamen die älteren Frauen, die sogenannten ‚Schenkeweiber’ zum Kaffee und am Abend vergnügte sich die Dorfjugend beim Tanz. Das Essen und Trinken hat man selbst bezahlt. So waren solch große Hochzeiten mit vielen Gästen machbar. Es war einfach ein Fest für das ganze Dorf. Bei diesem Tanzabend gehörte es dazu, dass die Braut entführt wurde, meist von einer Freundesclique. Im Idealfall zog man einfach vom Saal in die Wirtsstube um. Es dauerte meist nicht lange, bis einer das Akkordeon auspackte und dann wurde zusammen gesungen. Solange bis der Bräutigam seine Braut ‚gefunden’ und wieder zur Hochzeitsgesellschaft geführt hat.
Die Lieder, die dort erklangen, kannte jeder auswendig und wurden voller Inbrunst gesungen. Das klingt mir heute noch in den Ohren.

Gab es solche Singgelegenheiten, wie z.B. auf Hochzeiten bei euch auch? Das würde mich sehr interessieren. Schreibt es doch in die Kommentare!

In den 1980er Jahren gab es in Wolfsberg keine befestigte Straße.

Die Variante, die wir singen, kommt nicht ganz so marschmäßig daher, sondern wird eher rhythmisch frei ausgesungen. Aufgezeichnet wurde sie 1967 vom Münchner Volkskundler Wolfgang A. Mayer in Wolfsberg, einer von Böhmerwäldlern gegründeten Siedlung im Banater Bergland im Rumänien. Ich habe ja schon in früheren Beiträgen davon erzählt z.B. bei der Wald-Ari. Hermann Geyer, der diesmal bei unserer Liederlust die dritte Stimme singt, war auch einmal bei einer solchen Reise nach Wolfsberg in den 1980er Jahren mit dabei. Im Video erzählt er sehr eindrücklich von seinen Erlebnissen dort.

Die Wolfsberger singen den Besuchern aus Deutschland ihre Lieder vor.

Wir hoffen nun, dass euch das Lied vom verhinderten Rendesvous genauso amüsiert wie uns und wünschen euch ganz viel Vergnügen beim Lauschen und Mitsingen!

Ach ja, das wunderbare Bild vom Türklopfer in Form einer Frauenhand stammt von der Fotografin Helene Weinold aus Violau. Sie ist immer auf der Suche nach schönen Motiven und hat schon über 1000 Fotos verschiedenster Türklopfer, Türen, Schlössern und Riegeln gesammelt. Danke, liebe Lene, dass du eins davon für uns herausgesucht hast!


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