LIEDERLUST ♪ 61 – Sollt i vüre fahrn

Es gibt so Tage, da läuft es einfach nicht rund. Gefühlt geht einfach alles schief, was man anpackt. So geht es auch dem Protagonisten unseres neuen LIEDERLUST-Liedes. Er klagt: „Sollt i vüre (vorwärts) fahren, so fahr ich arschling (rückwärts), sollt i Bretter schneidn, so schneid i Schwartling.“ Was „Schwartling“ sind, das erklärt euch der Franz Schötz im Video, auf jeden Fall ist es nichts Gescheites. Und warum gelingt so rein gar nichts? Das erfahrt ihr gleich.

Unser Protagonist hat Liebeskummer. So heftigen Liebeskummer, dass er nur noch Ausschuss produziert. Statt Bretter kommen nur krumme und schiefe Teile heraus. Er ist völlig durch den Wind, weil ihm seine Liebste den Laufpass gegeben hat. Ich glaub, das Gefühl hat jeder schon einmal erlebt und deshalb kann man auch so gut mitfühlen beim Singen dieses Vierzeilers:

Sollt i vüre fahrn, so fahr i arschling, sollt i Bretter schneidn, so schneid i Schwartling,
schee staad in da Stell, weil mi ‚s Dianal nimma mehr wöll.  

Die Melodie ist breit ausgesungen und wird mit Jodlersilben wiederholt, was dem Ganzen noch mehr Eindringlichkeit verleiht. Besonders sind auch die vielen Verzierungen in der Melodie – die Töne werden rhythmisch oft vorgezogen oder verschliffen. Nicht das saubere, exakte Zusammenstimmen, der reine Klang steht im Vordergrund, sondern das kraftvolle Singen. Ja, auch laut darf es sein. Es ist eine ganz andere Klangästhetik, wie wir es gewohnt sind.

Dieses rhythmisch sehr freie Singen und auch das langsame Tempo ist ein sehr eigener und alter Singstil, der ein Fenster in die Vergangenheit öffnet, wie es vielleicht vor über hundert Jahren in den Dörfern im Bayerischen Wald und im Böhmerwald geklungen haben mag.

Zum Singen haben sich die Wolfsberger eng zusammengestellt.

Es ist eine Singweise, die sich nicht durchs Anhören erschließt. Die Kraft, die darin liegt, kann man nur erspüren, wenn man selber singt und das am besten auch in einer Gruppe, in der auch die anderen Stimmen erklingen. Vor allem der Bass spielt hier die entscheidende Rolle.

Er zieht sich wie ein unendliches Band unter den Melodiestimmen dahin. Kraftvoll baut er das Fundament für die Oberstimmen. Ganz besonders eindrucksvoll ist es natürlich, wenn viele Sängerinnen und Sänger zusammenstimmen und viele die Bassstimme ‚grolen’. Das können auch Frauenstimmen sein. Dieses ‚groaßgoschate Singen’ ist ein Singstil, der in Wolfsberg, einem von Böhmerwäldlern besiedelten Dorf im Banater Bergland in Rumänien in den 1970er Jahren dokumentiert werden konnte.

Mit Pferdefuhrwerken wurde die Arbeit verrichtet.

Wolfsberg (rum. Garina) wurde 1828 von ausgewanderten Böhmerwäldlern gegründet und liegt im Semenic-Gebirge, das ein Teil des Banater Berglandes ist. Das Straßendorf erstreckt sich über eine Länge von fast zwei Kilometern auf einem rund 1000 Meter hohen Bergkamm. Früher lebten hier ungefähr 1000 Menschen. Die Einwohner lebten von der Landwirtschaft, dem Holzschlag und von der Arbeit in den Fabriken in Reschitz.

Es war ein mühsames Leben unter schweren Bedingungen. Durch die Berglage konnten die kargen Felder nur per Hand bestellt werden. Maschinen gab es so gut wie keine. Erst in den 1970er Jahren wurde eine richtige Fahrstraße nach Wolfsberg gebaut. Das Dorf war also ziemlich abgeschieden und seine Bewohner auf sich selbst gestellt.

Mit dem Buckelkorb wurde alles mögliche transportiert.

Das erklärt wohl auch, warum sich in Wolfsberg nicht nur ein interessanter Liedschatz über so einen langen Zeitraum erhalten hat, sondern auch ein ganz bemerkenswerter Singstil, der in Bayern in dieser Art nicht mehr zu finden war.

Der Münchner Volkskundler Wolfgang Mayer hat Wolfsberg 1968 zufällig entdeckt und über viele Jahre die Lieder und Singweise der Wolfsberger mit Tonband dokumentiert. So kamen die Lieder auch wieder zurück nach Bayern und auch zu uns. In einem früheren LIEDERLUST-Beitrag von der „Wald-Ari“ könnt ihr noch mehr über Wolfsberg lesen und auch Bilder dazu anschauen.

Typisches Wolfsberger Haus mit angrenzendem Hof hinter dem Tor.

„Sollt i vüre fahrn“ ist, genau genommen, auch kein Lied, sondern einfach eine Vierzeilermelodie mit Jodler, zu der jeder andere passende Vierzeiler gesungen werden kann. Vielleicht findet ihr ja auch noch einen Vierzeiler, der euch gefällt und der zu dieser Melodie passt!? Schreibt ihn gern in die Kommentare. Wir freuen uns auf eure Ideen.

Aber nun ist es endlich Zeit zum Singen. Zum Groußgoschatsingen!
Lasst euch Zeit. Die Melodie mit ihren vielen Wendungen erschließt sich vielleicht nicht gleich und ist am Anfang nicht ganz so leicht zum Nachsingen. Aber ihr werdet merken, es lohnt sich. Wenn man es einmal kann, dann macht es unglaubliche Freude zu singen und sich im Klang zu baden.

Im Klang gebadet haben auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unseres Singtages in München am letzten Samstag. Hier ein Mitschnitt, der sich hören lassen kann. Wenn ihr schon ein wenig sicherer seid, dann könnt ihr auch mit dieser Aufnahme mitsingen und die Kraft einer großen Gruppe spüren.

Übrigens, die aufwändig geflochtene Frisur vom Titelbild war die Haartracht der Mädchen in Wolfsberg, wenn sie zum Tanzen gegangen sind.

Sollt i vüre fahrn

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