LIEDERLUST ♪ 60 – Fridolin

Wer kennt die Situation nicht!? Die Gesellschaft im Wirtshaus ist nett, die Atmosphäre gut, aber der Abend neigt sich bedenklich dem Ende zu. Eigentlich hat man überhaupt keine Lust heimzugehen. Aber der Wirt schaut schon, dass seine Gäste rechtzeitig das Feld räumen. In unserem neuen LIEDERLUST-Lied lässt er ihnen ausrichten: Halbe zwölfe hats schon gschlagn, Polizeistund is vorbei, Rosabella, Fridolin! Vielleicht kann man ja mit einem Lied noch ein paar Minuten herausschlagen? Ein Versuch ist es wert. Probiert es doch mal mit dem Lied vom Fridolin.

Das Lied vom Fridolin ist ein sehr beliebtes Lied auf den Lehrgängen des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Vor allem spätabends im Bierstüberl, wenn nach dem offiziellen Lehrgangsprogramm das nicht weniger wichtige, inoffizelle Programm startet.

Doch wo kommt das Lied vom Fridolin eigentlich her?
Der „Fridolin“ war in Niederbayern und im nördlichen Oberbayern verbreitet, wohl auch im Umfeld von Soldaten, wie die zweite Strophe vermuten lässt. Hier ist von den blauen Hosen, die versoffen wurden, die Rede. Die ‚blauen Hosen‘ beziehen sich wohl auf die bayerische Armee. Das Königreich Bayern unterhielt bis 1919 ein stehendes Heer und die bayerische Armee hatte blaue Uniformen. 

Das Lied nimmt das Freizeitverhalten der trinkfreudigen Soldaten auf die Schippe und macht sich darüber lustig, was passiert, wenn man mit dem Trinken übertreibt. Die heute bekannte Version des „Fridolin“ wurde im Bayerischen Wald aufgezeichnet, genaugenommen in Kumreuth (Lkr. Freyung-Grafenau). Otto Bloch und Ludwig Moosbauer haben es dem Münchner Volkskundler Wolfgang A. Mayer 1973 vorgesungen.

Franz Schötz hat noch einen Bierkrug, auf dem ein Soldat in blauen Hosen abgebildet ist.

Wenn man ein wenig nachforscht, findet man eine spannende Geschichte zum Ursprung des Liedes:

Ernst Schusser, ehemaliger Volksmusikpfleger und Leiter des Volksmusikarchivs in Bruckmühl hat herausgefunden, dass die Melodie unseres „Fridolin“ auf das italienische Lied „O pescator dell’onde“ zurückgeht. Bereits im 19. Jahrhundert wurde es als „Schifferlied“, mit einem deutschen Text versehen, der allerdings mit unserem Wirtshauslied wenig zu tun hat. Offensichtlich ist es eine Verballhornung dieses zu damaliger Zeit sehr beliebten Schifferliedes. Es finden sich lautmalerische Anklänge z.B. wurden in der 2. Strophe aus den ‚dunkelblauen Wogen’ ‚die blauen Hosen’. Im italienischen Original finden sich an jedem Zeilenende die spielerischen Endsilben ‚Fidelin’, was nichts anderes bedeutet als ‚tra-la-la’. Oft wird die Passage auch mit ‚Rosabella, Fidelin’ gesungen, mit der offensichtlich ein bestimmtes Mädchen angesprochen wird. Das kommt uns jetzt aber schon ganz schön bekannt vor. In der bayerischen Wirtshausfassung ist aus dem ‚Fidelin’ allerdings ein ‚Fridolin’ geworden. Aber die italienische Rosabella hats in die bayerische Fassung geschafft.

Christoph macht sich bereit für die Ansage.

Begibt man sich auf Spurensuche nach dem „Schifferlied“ wird man in der Liedsammlung „Volkstümliche Lieder der Deutschen“ von Franz Magnus Böhme (Leipzig 1895) fündig.

Böhme schreibt, dass das Lied so beliebt war, dass es in keinem Taschenliederbuch fehlen durfte. Und jetzt wird es spannend: Es war sogar so beliebt, dass sich gleich zwei Dichter um die Urheberschaft des um 1819 entstandenen Textes stritten.
Joseph von Brassier (1798-1872), seines Zeichens preußischer Diplomat, reklamiert den Text für sich. Brassier studierte ab 1819 Rechtswissenschaften in Berlin und hatte wohl auch viel musikalisches Talent. Er verkehrte in seinen Studienjahren auch in Musikerkreisen und hat als Sänger nachhaltigen Eindruck hinterlassen. So ist über ihn zu lesen:  

»Es ist mehr als sechzig Jahre her, seit ein Lied in aller Munde war, die Nachahmung eines bekannten italienischen Barcarola, die mit den Worten ›O pescator dell‘onde‹ (Das Schiff streicht durch die Wellen) beginnt. Man hat sich noch lange daran erinnert, dass der Poet (also Joseph von Brassier) sie zur Gitarre….. mit seinem schönen Tenor zu singen pflegte.“

Franz Magnus Böhme kommt zu dem Schluss, dass an der Urheberschaft Brassiers kein Zweifel bestehen kann. Oder doch? Laut einem Frankfurter Zeitungsartikel soll der Jurist und Schriftsteller Guido von Meyer (1798-1869) der Urheber des ‚Schifferliedes’ sein. Hier ist zu lesen:

„Im Sommer 1819 kam der russische General v. Manderstierna, ein schon älterer Herr mit seiner schönen jugendlichen Gemahlin zum Besuche nach Frankfurt a.M. Der jungen Dame zu Ehren wurde während ihres Aufenthalts in Frankfurt von Seiten der angesehensten Familien mancherlei Festlichkeiten veranstaltet, darunter auch eine Wasserfahrt auf dem Maine in einer festlich geschmückten Jacht nach Hanau. Dieser Lustbarkeit wohnte auch der bekannte Frankfurter Gelehrte und berühmte Bibelübersetzer von Meyer mit seinem Sohne Guido bei, und letzterer hatte eigens für diese Gelegenheit ein Schifferlied gedichtet, das Lied ‚Das Schiff streicht durch die Wellen’ und zwar nach der Melodie des italienischen Liedes ‚O pescator dell’onde. Auf der Heimfahrt wurde es mit Musikbegleitung von der Gesellschaft bei der Abfahrt von Hanau gesungen und unterwegs mehrmals mit immer größerem Beifall wiederholt. Als zu Anfang der dreissiger Jahre das Lied volkstümlich geworden und in alle Volksliederbücher mit dem Namen Brassier als Verfasser übergegangen war, reklamierte G.v.Meyer öffentlich dagegen, aber Brassier hüllte sich in tiefes Schweigen.“

Dieses Rätsel, wer jetzt der wahre Urheber ist, wird wohl nicht mehr gelöst werden. Jeder kann sich die Geschichte aussuchen, die ihm am besten gefällt.

Wir wünschen euch jetzt auf jeden Fall viel Vergnügen beim Singen vom „Fridolin“, der bayerischen Wirtshausfassung eines italienischen Schifferliedes. Am besten im Wirtshaus in netter Gesellschaft.

Sehr nett ist es immer in der Alten Roggenschenke, einem gemütlichen Wirtshaus in Roggenburg (Lkr. Neu-Ulm). Der Wirt ist nicht nur sehr singfreudig, sondern hat auch extra für mich seine Wirtshausuhr auf halbe zwölfe gestellt. Danke dir, Hans!

Fridolin – LV

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Ein Kommentar

  1. Weitere Strophen
    Da zahlen wir zusammen, zwei Maß für die Gendarmen, und die trinken auch gleich aus und wir gehn noch nicht nach Haus
    Auf oamoi werd i kaasi, in der Tür do steht mei Stasi, und de dout ma oane detschn mittn eine in der Ledschn

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