LIEDERLUST ♪ 59 – Goldnes Blatt vom Himmelsbaum

„Goldnes Blatt vom Himmelsbaum, fiel zur Erde nieder, lief ich schnell nach Bethlehem, fands im Kripplein wieder.“ Was für ein wunderbares Bild für das neugeborene Christuskind im Stalle zu Bethlehem. Mit seiner schwungvollen Melodie und dem eingängigen Refrain ist es einfach das perfekte Lied für unsere offenen Singen in der Advents- und Weihnachtszeit. Doch bis auf eine karge Angabe unter dem Liedblatt ‚Volkslied aus der Slowakei’ wusste ich bis vor kurzem nichts über die Hintergründe des Liedes. Stefan Gehrt, Kirchenmusiker aus Dresden, hat sich auf die Suche gemacht und konnte das Rätsel des ‚Goldenen Blattes vom Himmelsbaum’ lösen und hat mir sein Material zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür.

Offenbar war die Quellenangabe aus der Slowakei nicht so ganz genau. Stefan Gehrt hat bei seiner Recherche herausgefunden, dass dieses schwungvolle Weihnachtslied einen Urheber hat, nämlich František Sušil (1804-1868). Er war ein tschechischer Priester, der neben seinem Hauptberuf auch als Literat, Volksliedsammler, Sprachforscher und Dichter tätig war. František Sušil wurde in Neu-Raußnitz (Rousìnov) in Mähren als Sohn eines Gastwirts geboren. Bereits als Jugendlicher interessierte er sich für Literatur. Nach dem Besuch des deutschsprachigen Gymnasiums in Kremsier (Kroměříž), studierte er in Brünn (Brno) Sprachen und schlug dann die Priesterlaufbahn ein. Seine ersten Dichtungen verfasste er schon während seiner Studienzeit in tschechischer Sprache. Das Weihnachtslied verfasste er 1860. Im mährischen Original ist der Titel „Pásli ovce valaši“. Das Lied ist bis heute in Tschechien offenbar bekannt und beliebt, wenn man sich die Anzahl der you-tube-Videos betrachtet.

Wörtlich übersetzt lautet der Text:

Hirten hüteten die Schafe bei dem Stall zu Bethlehem. Heidom…..

Ein Engel war ihnen erschienen,
der befahl ihnen nach Bethlehem zu gehen. Heidom….  
 

Kommt, ihr Menschen, lauft geschwind,
ihr findet dort das Jesuskind. Heidom….

Er liegt dort im Krippelein,
gewickelt in Windeln fein. Heidom….

Maria wiegt ihn, der heilige Joseph singt für ihn. Heidom…

Eia popeia, Kindelein, schlafe, heiliges Jesulein. Heidom….

Die deutsche Übersetzung stammt aus der Feder der Musikerin und Autorin Margarete Jehn (1935-2021). Sie hat den Text nicht einfach nur wörtlich übersetzt, sondern ganz neu gefasst. Er lautet folgendermaßen:

Goldnes Blatt vom Himmelsbaum fiel zur Erde nieder,
lief ich schnell nach Bethlehem, fands im Kripplein wieder. Heidom….

Unser Jesukindelien grüßte ich voll Freude,
grüßte auch die Eltern sein und die andern Leute. Heidom….

Blieb ich dann der Tage drei beim dem Kindlein hocken,
tat der Flöte, der Schalmei süßen Klang entlocken. Heidom….

Besonders schön ist die Metapher vom ‚Goldnen Blatt’, das vom Himmelsbaum auf die Erde fällt und so das Jesuskindlein in der Krippe symbolisiert. Das hebt dieses Lied aus der Fülle von Weihnachtsliedern heraus und gibt ihm einen unverwechselbaren Charakter.

Das Refektorium im Kloster Roggeburg bietet den perfekten Rahmen. Wir bedanken uns recht herzlich, dass wir dort aufnehmen durften.

Wer war Margarete Jehn?
Margarete Jehn ist in der Welt der Kinderliteratur keine Unbekannte. Neben zahlreichen Kinderliedern schrieb sie aber auch Lyrik und Prosa für Erwachsene. Für ihr Hörspiel „Der Bussard über uns“ gewann sie 1964 den Hörspielpreis der deutschen Kriegsblinden.
Ihr bekanntestes Werk ist das Lied von ‚der alten Moorhexe aus dem Teufelsmoor’. Mit dieser nicht unsympatischen, etwas schrulligen Hexe mit ihrem roten linksgestrickten Ringelstrumpf hat sie sich bis heute in die Herzen der Kinder gesungen.

Anlässlich ihres Todes 2021 ist ein Nachruf im Weserkurier erschienen, aus dem ich zitieren möchte, weil er so schön beschreibt, welche kleinen Zufälle dem Leben eine besondere Wendung geben können:
Die Startbedingungen für Margarete Jehns Leben waren alles andere als optimal. 1935 wird sie in Bremen als Margarete Rollny geboren. Nach der Trennung der Eltern geht sie als Siebzehnjährige nach Schweden zu einem Onkel, dem einzigen Verwandten, der sie beherbergen kann. Die Verhältnisse sind alles andere als romantisch. Die Jugendliche muss sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Ein Vierteljahr spricht sie kein Wort, beginnt dann aber Schwedisch zu sprechen. Eine Anstellung als Telefonistin tut das Übrige, und sie beherrscht die Sprache bald so gut, dass sie später als Übersetzerin Geld damit verdienen kann.
Ihre nächste Arbeitsstelle verdankt sie aber der Liebe zur Musik, die sie von ihren Eltern in die Wiege gelegt bekam. Im Sommer hat sie im königlichen Moorbad eine Anstellung gefunden, und als die Saison zu Ende ging, hörte die Gattin des Kurdirektors die junge Frau bei der Arbeit singen. Sie ist von der Deutschen so fasziniert, dass sie sie sofort als Kindermädchen für ihre vier Söhne engagiert. Zurück in der Heimat, spielt die Musik eine noch folgenschwerere Rolle: Margarete trifft den Musiker Wolfgang Jehn und weiß sofort: „Wer so schön spielen kann, den musst du mit nach Hause nehmen!“

Die beiden heiraten und gründen eine Familie. Bald schon entwickeln sie die Idee, gemeinsam Lieder für Kinder zu schreiben. Die Einkünfte sind zunächst dürftig. Es entstehen auch Arbeiten für Erwachsene z.B. Hörspiele. Ein Manuskript landet zufällig beim Südwestfunk und wird tatsächlich produziert. Es ist das oben schon erwähnte “Der Bussard über uns“ und gewinnt tatsächlich einen Preis. Das ist der Durchbruch.
1970 übersiedeln sie mit ihren beiden Söhnen ins Künstlerdorf Worpswede, ca. 30 Kilometer nordöstlich von Bremen, mitten im Teufelsmoor gelegen (man denke an die Hexe!) und dort gründen sie auch die ‚Worpsweder Musikwerkstatt’, ein Musikverlag mit dem Schwerpunkt auf Kinderlieder. Ihr Herzensanliegen war und ist den ‚Kindern einen großen Liederschatz nahe zu bringen, der ihnen Freude und Einfühlungsvermögen vermittelt und ihre Fantasie beflügelt“. Margarete Jehn stirbt im Oktober 2021 mit 86 Jahren. Ihr Verlag existiert bis heute und wird von den beiden Söhnen weitergeführt.
Für Wolfgang und Margerete Jehn war es immens wichtig, dass die elementare Musik wieder einen selbstverständlichen Platz im Leben der Kinder bekommt, denn sie ist „ein Freudenbringer für alle“. Eine schöne Singstimme sei dafür gar nicht so wichtig. „Die entwickelt sich schon von selbst, wenn der Mensch mit Leib und Seele singt“.

Nun denn, wir laden euch jetzt ein mit Leib und Seele mit uns mitzusingen.
Wer sich einfach nur mittragen lassen möchte, der kann sich am Bordun versuchen, aber natürlich wird für die Ehrgeizigeren unter euch auch wieder der Text eingeblendet.

Wir wünschen euch viel Freude und Schwung beim Lauschen, Lernen und Mitsingen!
Frohe Weihnachten!

Goldnes Blatt vom Himmelsbaum
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3 Antworten

  1. Grüß Gott ihr wunderbaren Sängerinnen,
    Vielen Dank für diese schöne Weise.
    Ich habe tüchtig mitgesungen.
    Euch Allen eine frohe Weihnachtszeit und eine beglückended Neues Jahr.
    Hoffentlich erlebe ich Euch wieder „in Echt“.
    Dann singe ich wieder gerne mit.
    Herzlichst
    Rosalinde

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