LIEDERLUST ♪ 58 – Der Woidtaubra

Es gibt Lieder und es gibt Lieblingslieder. Es gibt Lieder, die mich augenblicklich in gute Laune versetzen und es gibt Lieder, die mich anrühren und innerlich etwas zum Klingen bringen. Eins davon ist das Lied vom Woidtaubra, das wir euch diesmal vorstellen möchten. Die einfache Zeile „Öitz is da Woidtaubra in Woid aussigflogn“ eröffnet ein ganzes Feld von Spekulationen. Denn bald wird klar, dass dieser „Woidtaubra“ ein überaus menschlicher Vogel ist. Mit Bildern aus der Natur werden die Irrungen und Wirrungen einer Paarbeziehung wunderbar poetisch beschrieben.

Das Lied vom Woidtaubra war in verschiedenen Varianten im gesamten Böhmerwald und im Bayerischen Wald verbreitet. Es findet sich auch in der Sammlung von Paul Friedl (1902 – 1989) besser bekannt als ‚Baumsteftenlenz’. Der Schriftsteller und Heimatforscher prägte mit seinen Romanen der 1950er bis 1970er Jahren nachhaltig das Bild der Menschen, des Lebens und der Bräuche im Bayerischen Wald. Er gehört zu den wichtigsten Literaten im bayerisch-böhmischen Grenzgebirge.
Paul Friedl wurde als siebtes von zwölf Kindern eines Mühlenbauers und Sägemeisters 1902 in Pronfelden bei Spiegelau geboren. 1905 zieht er mit seinen Eltern und Geschwistern nach Zwiesel. Sein künstlerisches Talent zeigte sich schon in jungen Jahren. Er besuchte in Zwiesel die Fachschule für Holzschnitzerei und studierte kurzzeitig an der Akademie der bildenden Künste in München. Er war sehr begabt, musste jedoch wegen seiner Sehschwäche das Studium aufgeben.

Schon seit seiner Jugend interessiert er sich für Geschichten und Lieder, die er sammelt und auch selbst verfasst. Mit 17 Jahren tritt er erstmals als Volkssänger auf. Zur gleichen Zeit verfasst er seine ersten eigenen Zeitungsbeiträge, die in seiner Heimatzeitung und in volkskundlichen Zeitschriften veröffentlicht werden. Später war er langjähriger Mitarbeiter beim Rundfunk und trat auch im Fernsehen auf.
Es war das erklärte Ziel des ‚Baumsteftenlenz’, wie er nach dem Hofnamen seines Großvaters genannt wurde, das Volksgut des Bayerischen Waldes zu bewahren und bekannt zu machen. Unentwegt sammelte er in seinem Heimatumkreis Lieder und Musikstücke. Seine Sammeltätigkeit führte schließlich zur Gründung des Volksliedarchives in Zwiesel.

Vor allem aber machte Friedl als Schriftsteller auf sich aufmerksam. Sein Werk umfasst Heimatromane, Theaterstücke, Weihnachtsspiele und zahlreiche volkskundliche Aufsätze. In seinen Romanen verknüpft er alte Sagen und Gestalten mit Selbsterlebtem. Die meisten sind im bayerischen Wald verortet. 1989 stirbt er in seinem Heimatort Zwiesel.

Paul Friedl alias 'Baumsteftenlenz' (Sammlung Roland Pongratz)

Aber nun zurück zu unserem Lied vom ‚Woidtaubra’. Der Woidtaubra symbolisiert einen überaus menschlichen Vogel, der so seine Schwierigkeiten mit der Paarbeziehung hat. Mit Symbolen aus der Natur wird das wunderbar poetisch beschrieben. Offenbar kriselt es schwer. Unser Paar ist schon getrennt, aber der Woidtaubra startet einen Versöhnungsversuch. Er klopft bei seiner Woidtäubin an und bittet um Einlass mit den Worten ‚a Reiferl hat’s gfreart und a Schneewerl liegt drauf’. ‚A Reiferl hat’s gfreart’ ist ein Symbol für das Ende einer Beziehung, alles ist starr, kalt und tot. Aber es gibt noch einen kleinen Hoffnungsschimmer in Gestalt von frisch gefallenem Schnee. Wenn etwas mit Schnee bedeckt ist, sind im übertragenen Sinne die seelischen Verletzungen und Wunden, die man sich als Paar zugefügt hat, mit einer schützenden Hülle bedeckt. Vielleicht sind sie auch schon verheilt? Es gibt jedenfalls die Chance auf einen Neuanfang. Die Woidtäubin gibt ihrem Woidtaubra tatsächlich eine Chance. ‚Wann du mei liaber Woidtauberer bist, na werst as scho wissen, wo s’Riegerl vür is!’ Wunderbar ausgedrückt und ich denke, das muss man nicht weiter erklären. Damit ist alles gesagt.

Prüfender Blick auf die Kamera. Passt der Bildausschnitt?

Die Variante, die wir mit euch singen möchten, wurde bei den Lehrgängen des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege verbreitet, sei es bei der Volksmusikwoche ‚Bayerischer Dreiklang’ oder auch bei den niederbayerischen Herbsttreffen. Vermutlich hat der Münchner Volkskundler und Liedvermittler Wolfgang A. Mayer den Refrain ‚Filadirom di ra’ textlich und melodisch neu gestaltet und diese Variante vom Woidtaubra bei den Lehrgängen in Umlauf gebracht. Franz Schötz, unser früherer Kollege beim Bayerischen Landesverein stammt aus dem vorderen bayerischen Wald und kennt den Woidtaubra aus seinem Heimatumkreis mit einer anderen Melodie. Auf dem Liedblatt findet sich auch noch eine zusätzliche Strophe, die wir nicht gesungen haben, die wir euch aber nicht vorenthalten wollten.

Diesmal durften wir in der Oase Steinerskirchen (im Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) unser Video aufnehmen. Dort haben wir einen ganz wunderbar idyllischen Platz für das Lied vom Woidtaubra gefunden, umrahmt von riesigen Bäumen und mit schönem Blick ins Weite.

Wir hoffen nun, dass euch das Lied vom Woidtaubra genauso berührt wie uns und wünschen euch ganz viel Freude beim Lauschen und Mitsingen!

Der Woidtaubra

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3 Antworten

  1. Danke für die – wie immer – interessanten Geschichten und Hintergrundinfos zum Lied.
    Besonders gut finde ich auch, dass euer Notenblatt direkt unter dem Video zu sehen ist. Da kann man beim Zuhören gleich mitlesen.

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