Zwiefache

Hippe Tänze oder Hippentänze?

Schweinauer, Schleifer, Heuberger, Oberländer, Oberab, Übernfuaß, Mischlich, Bairische, Bavorák, Hippentänze oder doch Zwiefache? Auf jeden Fall sind Zwiefache gerade sehr angesagt und das nicht nur in Bayern. Sie wurden zu bayerischen Exportschlagern, was sich auf Youtube in vielfältiger Hinsicht bestaunen lässt z.B. als durchchoreografierte Bühnenshow in Nordamerika, wo die Zwiefachen als ‚German Dance’ bezeichnet werden,  oder man kann man sich auf israelischen Videos zeigen lassen wie ein Zwiefacher richtig getanzt wird.

Aber noch viel exotischer ist für viele wahrscheinlich die Tatsache, dass Zwiefache kein altbayerisches Phänomen sind. Ganz im Gegenteil: auch in Schwaben, Franken oder im Schwarzwald wurden und werden gerne Zwiefache getanzt. Erich Sepp hat deshalb in einer neuen Publikation eine Unmenge an interessanten Melodien aus dem schwäbisch-alemannischen Sprachraum zusammengetragen.

Eine wichtige Quelle war die Sammlung von Wulf Wager (umtriebiger Volksmusikant und Initiator zahlreicher volksmusikalischer Projekte in Baden-Württemberg), der eine Vielzahl an Melodien aus dem Schwarzwald gesammelt und zur Verfügung gestellt hat. Erich Sepp hat diese mit Aufzeichnungen aus dem Ries und dem Kesseltal ergänzt. Durch die Berücksichtigung neuerer bzw. schlecht zugänglicher Quellen bietet das Heft einen detaillierten Überblick über diese wunderbaren Tanzmelodien.

Hier ein Beispiel aus einer Notenhandschrift aus dem Kesseltal (AVS N 54). Kesseltal001

Diese Zwiefachen sind ausnahmslos Tanzlieder mit mindestens einer Strophe. Dabei geht es nicht immer zimperlich zu: „Schau no dean Ranza a, wie er net tanza ka, wie er seine Wada stellt, dass er net fällt.“ (Bitte niemandem beim Singen in die Augen schauen!) Denn Singen sollte man die Zwiefachen, das macht ihren ganz besonderen Reiz aus. Man nennt dies auch ‚Aseng’:

„Nach dem Ende des Tanzes gehen die Paare eingehängt, oder sich an der Hand haltend, im Kreise weiter. Einer oder mehrere Burschen stimmen das nächste Tanzlied, oder eine neue Strophe an in die bald der Kreis einfällt. Erst nach Beendigung dieser Singstrophe setzt die Musik ein und spielt im allgemeinen die Melodie dreimal, bei besonders kurzen Stücken noch öfter. In einigen Orten ist es üblich, nach dem Tanz im Kreis stehenzubleiben, der ansingende Bursch tritt in die Mitte und singt seine Strophe. Für selbsterfundene Verse wurde dem Ansinger anerkennender Beifall gezollt.“ (Hermann Regner)

Bitte unbedingt ausprobieren! Es macht Riesenspaß sozusagen sein eigenes Tanzprogramm zu kreieren und damit manchmal auch die Musikanten zum Schwitzen zu bringen.

Die Melodien sind zweistimmig notiert und mit Harmoniebezeichnungen versehen.  Um die Zwiefachen auch singen zu können, sind immer die Texte mit abgedruckt. Eine Fülle an schönen und interessanten Tanzmelodien, die bisher nur schwer zugänglich waren, sind hier zu entdecken und wirklich eine rhythmische Herausforderung für jeden Musikanten. Also ran an die Klarinetten, Geigen, Trompeten und Flöten und viel Glück beim richtigen Taktwechsel.

Und hier gleich noch eine Kostprobe zum Hören. Johannes Sift aus Klosterlechfeld hat auf seiner neuen CD „Knopfdruck“ einen schwäbischen Zwiefachen aus dem Heft eingespielt. Viel Spaß beim Zuhören!

Und wer jetzt loslegen will, kann das Heft hier bestellen:                           www.heimat-bayern-kaufladen.de

Landesmusikrat Baden-Württemberg/Bezirk Schwaben/Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V.: Schwäbisch-alemannische Zwiefache. Für zwei Melodieinstrumente eingerichtet von Erich Sepp. München/Karlsruhe 2015

 

Veröffentlicht von

Dagmar Held

Leiterin der Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben

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